Argentinien: 20 Jahre sind gar nichts

Verfasst von: Gabriela Mitidieri, Robert Grosse

— vom NEIN zur ALCA zum JA zu MAGA

Am 13. November 2025 kündigte der US-Präsident Donald J. Trump „historische Handelsabkommen mit Handelspartnern der westlichen Hemisphäre“ an und bezog sich damit auf neue bilaterale Abkommen mit den Regierungen von Argentinien, Ecuador, Guatemala und El Salvador. Diese ganz im Sinne von MAGA (Make America Great Again) gestalteten Abkommen sollen laut Trump „das unerschütterliche Engagement der Administration für fairen und ausgewogenen Handel bei jeder Gelegenheit unterstreichen, um unsere wirtschaftliche und nationale Sicherheit zu schützen und zu stärken“.

Das von Washington gewählte Datum war kein Zufall: Genau zwanzig Jahre zuvor hatten auf dem Amerika-Gipfel in Mar del Plata (Argentinien) fünf progressive lateinamerikanische Präsidenten die von US-Präsident George W. Bush vorangetriebene Freihandelszone für Nord- und Südamerika und die Karibik (ALCA/FTAA) gestoppt. Der Widerstand formierte sich zunächst zwischen Argentiniens Präsident Néstor Kirchner und Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva; später schlossen sich Venezuelas Hugo Chávez, Uruguays Tabaré Vázquez und Paraguays Nicanor Duarte Frutos an.

„20 Jahre sind gar nichts.“ 

Es ist, wie es im argentinischen Tango heißt: „20 Jahre sind gar nichts.“ Heute ist von jenem kraftvollen Auftakt eines progressiven Zyklus, der auf regionale Integration in Lateinamerika setzte und einen gemeinsamen politischen und wirtschaftlichen Block in der globalisierten Welt schaffen wollte, wenig übrig. Präsident Donald Trump hat ein deutliches Signal der Rückkehr zu einer Neuordnung des Machtgefüges in seiner Hemisphäre gesetzt – unter Regeln, die offen US-amerikanische Interessen privilegieren.

Im Fall Argentiniens verliefen die Verhandlungen über das neue Handelsabkommen ungewöhnlich schnell. Es gab keine Konsultationen, keine öffentliche Debatte und keine Folgenabschätzung. Die argentinische Regierung stand unter Zugzwang: das Abkommen fungiert als Gegenleistung "für ein "Rettungspaket", mit dem Donald Trump dem rechts-libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei zur Seite gesprungen war, um dessen in Turbulenzen geratene Narrativ von wirtschaftlicher Stabilität während seines Wahlkampfs im Oktober zu retten.

In den Wochen vor den nationalen Parlamentswahlen am 26. Oktober – bei denen 127 der 257 Sitze der Abgeordnetenkammer und 24 der 72 Senatssitze erneuert wurden – aktivierte die Trump-Administration einen schnellen und effizienten Mechanismus, um offen in den Wahlprozess einzugreifen und den Sieg von Javier Milei und seinen KandidatInnen sicherzustellen. Die Unterstützung umfasste explizite politische Rückendeckung und die Genehmigung eines Finanzpakets für einen Währungsswap zwischen dem US-Finanzministerium und der Zentralbank der Republik Argentinien (BCRA) in Höhe von bis zu 20 Milliarden US-Dollar. Das bedeutet, dass die USA versprachen, Argentinien im Austausch gegen Pesos mit Dollar zu versorgen, um dem Land Liquidität zu verschaffen, den Wert des Peso zu stabilisieren und die argentinischen Devisenreserven zu schützen.

„Puffer“ für das Finanzsystem 

Als Teil dieses Plans kauften die USA sogar argentinische Pesos auf dem Devisenmarkt. Diese direkte Intervention zielte darauf ab, die Abwertung des Pesos zu bremsen, die Devisenmärkte zu beruhigen und dem argentinischen Finanzsystem einen „Puffer” zu verschaffen. Außerdem verkündete die US-Administration (wenn auch mit größeren Unsicherheiten), eine weitere Unterstützungstranche – über private Fonds und internationale Banken finanziert – in Höhe von zusätzlichen 20 Milliarden US-Dollar bereitzustellen, um Argentinien bei der anstehenden Tilgung von Krediten seiner enormen Auslandsschulden zu unterstützen. 

Zusätzlich traten der Internationale Währungsfonds (IWF) und die Weltbank (WB) unmittelbar nach Trumps Ankündigung mit unterstützenden Stellungnahmen hervor und signalisierten einheitlich ihre Rückendeckung für den wirtschaftspolitischen Kurs der Regierung von Javier Milei.

Trump knüpfte die Zusagen offen an die Bedingung, dass das argentinische Volk “seinen” Kandidaten wählen muss. Das Bündel an Maßnahmen und Signalen verstärkte die Wahrnehmung, Milei sei der einzige Kandidat mit direktem Zugang zu Washington und damit fähig, einen „Schwarzen Montag“, mit unabsehbaren politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verwerfungen, unmittelbar nach dem Wahlsonntag abzuwenden.

Klarer Sieg des Regierungslagers

Diese Interventionen führten schließlich zu einem klaren Sieg des Regierungslagers. La Libertad Avanza (LLA), die Partei Mileis, erzielte landesweit rund 41 % der Stimmen, sicherte sich 64 der erneuerten Sitze in der Abgeordnetenkammer und festigte seine Position im Senat. Das Ergebnis ließ die Opposition orientierungslos zurück und stärkte die Handlungsmacht der Milei-Regierung weit über die Erwartungen hinaus.

Das „Rettungspaket“ eröffnete den Weg für eine tiefgreifende Neugestaltung der traditionellen bilateralen Beziehungen Argentiniens. Die USA versuchen ihren Einfluss durch eine Kombination aus wirtschaftlichen Anreizen, regulatorischen Anforderungen und geopolitischer Disziplin wiederherzustellen. Für Argentinien sind die unmittelbaren Vorteile – fiskalischer Sauerstoff und politische Rückendeckung – an Verpflichtungen geknüpft, die eine strukturelle Abhängigkeit verfestigen: stärkere außenpolitische Ausrichtung an Washington, ökonomische Deregulierung und Priorisierung externer Interessen.

Dieser Kurswechsel geht über das Ökonomische hinaus. Das neue Arrangement drängt Argentinien dazu, sich an eine finanzielle, technologische und sicherheitspolitische Architektur anzupassen, die von Washington vorgegeben wird – mit direkter Wirkung auf den eigenen Handlungsspielraum. Parallel integriert sich Argentinien in die US-Strategie zur Eindämmung Chinas: die regionale Entscheidungsfähigkeit wird geschwächt, Mechanismen wie der MERCOSUR werden untergraben, und es entsteht ein politischer Druck in der Region, der darauf abzielt, Brasiliens Präsident Lula zu isolieren. 

Architektur der reaktionären Internationalen


Die „Rettung” fungiert in diesem Rahmen als Teil einer sich ausweitenden hemisphärischen Architektur der reaktionären Internationalen. Wie der argentinische Experte für internationale Beziehungen Juan Gabriel Tokatlian sagt: „Was wir gesehen haben, ist nur der Anfang eines Projekts zur Wiederherstellung des Einflussbereichs der Vereinigten Staaten in Lateinamerika und der Karibik, zu welchem Preis auch immer: es handelt sich nicht um den Versuch, eine vergangene Hegemonie zu festigen, sondern um die Durchsetzung einer unangefochtenen Vorherrschaft”.

Die Historikerin Gabriela Mitidieri und der Soziologe Robert Grosse arbeiten bei der argentinischen Menschenrechtsorganisation Centro de Estudios Legales y Sociales (CELS).


Redaktion & Übersetzung: Ute Löhning

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