Published
October 11th, 2025
Trotz Erfolgen wenig Bewegung auf der Straße
Written by: Ulli Jentsch, Lina Dahm, Eike Sanders
Rund 1.700 AbtreibungsgegnerInnen marschierten am 20. September 2025 durch Köln. Foto: Lina Dahm
Image from (c) Lina Dahm 2025, License CC BY 4.0
Berichte von den Märschen für das Leben 2025
Am 20. September 2025 zogen in Berlin etwa 2.100 und in Köln rund 1.700 christliche AbtreibungsgegnerInnen durch die Städte und blieben damit deutlich hinter den Erwartungen der OrganisatorInnen zurück. Der Marsch in Köln fand zum dritten Mal, der in Berlin bereits zum 21. Mal statt. Seit 2024 haben die VeranstalterInnen des Bundesverband Lebensrecht (BVL) das jährliche Hauptevent der „Lebensschutz“-Bewegung auf zwei Städte aufgeteilt, in der Hoffnung, durch relative regionale Nähe mehr AnhängerInnen zeitgleich auf die Straßen zu bekommen. Diese Hoffnung wurde auch dieses Jahr enttäuscht. Seit dem Jahr 2019, als wir 5.500 Teilnehmende in Berlin zählten, sinken die Teilnehmendenzahlen entgegen aller Beteuerungen des BVL kontinuierlich. Der BVL hingegen behauptet meist das Gegenteil. Dies ist nur einer von mehreren billigen Taschenspielertricks und Verschleierungstaktiken, mit denen die „Lebensschutz“-Bewegung seit ihrer Gründung arbeitet.
Ausländische Gäste für radikale Rhetorik
Ein weiterer Trick ist, sich jedes Jahr eine Rednerin oder einen Redner aus dem Ausland einzuladen, der oder die Worte aussprechen oder Positionen und Verbindungen repräsentieren kann, die im deutschen Diskurs zu recht verpönt sind. So sprach 2011 Bryan Kemper aus den USA auf der Bühne vom „Babycaust“ und setzte die millionenfache industriellen Vernichtung der europäischen Juden:Jüdinnen gleich mit Schwangerschaftsabbrüchen. Letztes Jahr sprach mit Pablo Muñoz Iturrieta ein bekennender Fan von Donald Trump und AfD und schwärmte vom gemeinsamen „Kulturkampf“. Dieses Jahr hatte der BVL nach Köln zwei Funktionärinnen der PAAU eingeladen, einer sich links, säkular und feministisch-radikal gebenden Organisation aus den USA. Die US-amerikanischen Aktivistinnen Lauren Handy und Caroline Smith vom „Progressive Anti-Abortion Uprising“ (PAAU) stehen beide für eine radikalisierte Szene: Handy, 2023 zu fünf Jahren Haft verurteilt, wurde Anfang 2025 von Donald Trump begnadigt. Ihre Einladung zeigt deutlich, wie stark sich die deutsche Bewegung an militant-radikalen US-Vorbildern orientiert – und wie gezielt solche Inhalte auch an junge Menschen herangetragen werden. (Mehr dazu von Lina Dahm hier in der taz). In Berlin berichteten die bisher unbekannte Johanna Durairaj von der indischen Organisation Life 4 All über ihre dortigen Anti-Choice-Kämpfe, und Marie-Lys Pellissier vom Marche pour la vie überbrachte Grüße aus Frankreich.
Altbekannte Mischung der Botschaften
Inhaltlich boten die Bühnen die altbekannte Mischung aus antifeministischen und rechtsklerikalen Botschaften. Felix Böllmann von der Lobbytruppe ADF International warb in Köln für einen „freiheitlichen demokratischen Staat“ – eine Formel, hinter der sich das gängige Muster verbirgt: Meinungsfreiheit soll als Deckmantel dienen, um diskriminierende Positionen salonfähig zu machen. Sarah Göbel, Hebamme und Teil der Kampagne „Patin für 9 Monate“, sprach über Selbstbestimmung für Mütter – an sich anschlussfähig, aber eingebettet in eine Bewegung, die das Recht auf Selbstbestimmung durch Abtreibungsverbote massiv einschränken will.
In Berlin berichtete der ehemalige Apotheker Andreas Kersten von seinem Rechtskampf gegen die Abgabe von Nidationshemmern mit Hilfe der ADF. Dr. Luge vom umstrittenen Verein „TeenStar“ griff die Rhetorik von „wertebasierter Sexualpädagogik“ auf: kein Sex vor der Ehe, keine Abtreibung, Familie als Keimzelle. Dass die „Werte“ des Vereins weder wissenschaftlich belegt noch realitätsnah sind, fiel in der Rede nicht weiter ins Gewicht – diverse Lebensrealitäten jenseits des zweigeschlechtlichen, heteronormativen Weltbilds werden von „TeenStar“ ohnehin aktiv bekämpft.
Neben den oben genannten internationalen Gästen redeten vor allem die bekannten und altgedienten FunktionärInnen der großen Lebensschutz-Organisationen wie Holm Schneider (Ärzte für das Leben - ÄfdL) in Berlin und Cornelia Kaminski (Aktion Lebensrecht für Alle - AlfA) in Köln. Paul Cullen, Vorstandsmitglied des BVL, las in Köln lediglich die politischen Forderungen des Dachverbands herunter.
Mediale Resonanz vor allem in Berlin
Der Mehrwert des rechten Aufschwungs für die Lebensschutz-Bewegung zeigt sich vor allem in der gewachsenen medialen Aufmerksamkeit der rechten Öffentlichkeit. Bei beiden Märschen waren mehr JournalistInnen und Streamer vor Ort als in den Vorjahren – vor allem in Berlin: darunter ein Team von AUF TV, Vadim Derksen (AfD) und Team für die Junge Freiheit, Martin Lejeune und der rechte Streamer Sebastian Weber alias „Weichreite TV“. Der AfD-Lokalpolitiker Felix Helleckes streamte live aus Köln, ebenso der Streaming-Kanal „Utopia TV“. Die extrem rechte Wochenzeitung Junge Freiheit brachte gleich mehrere Stücke: ein „Streiflicht“ von Dieter Stein vorab, ein Interview mit Kristijan Aufiero, Geschäftsführer der „Lebensschutz“-Organisation 1000plus-Profemina gGmbH und Verleger des rechts-katholischen Online-Magazins Corrigenda und schließlich einen ausführlichen Bericht aus Berlin und einen Debattenbeitrag zur Berichterstattung des ZDF über den Marsch für das Leben. Außerdem berichtete die katholische Nachrichtenagentur (CNA) aus Köln, EWTN Deutschland übertrug live aus beiden Städten und hatte zusätzlich noch einen Studiogast, die Evangelische Allianz idea brachte mehrere Stücke aus beiden Städten und die üblichen Verdächtigen wie die Tagespost, Domradio, kath.net und Radio Horeb berichteten.
Märsche wirkten weder groß noch dynamisch
Obwohl die Szene mit der verhinderten Wahl der Juristin Frauke Brosius-Gersdorf ans Bundesverfassungsgericht eigentlich Rückenwind haben müsste – ein Erfolg, den AbtreibungsgegnerInnen und konservative bzw. extrem rechte Netzwerke und Medien maßgeblich durch öffentlichen Druck und Lobbyarbeit herbeigeführt haben –, wirkten die Märsche für das Leben in Köln und Berlin weder groß noch dynamisch. Stattdessen präsentierten sie sich als abgeschottete Rituale einer Bewegung, die von konservativen Christinnen über fundamentalistische Netzwerke bis hin zur extremen Rechten reicht.
Der große Mobilisierungserfolg bei der Verhinderung der Kandidatur von Frauke Brosius-Gersdorf wurde in Berlin auf der Bühne zwar kurz erwähnt, aber kaum weiter ausgeführt. Dagegen war der kurz zuvor verübte Mord an dem ebenfalls christlichen MAGA-Influencer Charlie Kirk ein deutlich emotionalisierendes Thema. Mehrere Teilnehmende in Berlin hatten selbstgefertigte Plakate und T-Shirts mitgebracht und erhielten aus der Menge vielfach Zuspruch und Unterstützung.
Unter den Teilnehmenden tummelte sich die übliche Mischung aus konservativen, rechtsklerikalen bis extrem rechten AkteurInnen. In Köln waren Sylvia Pantel (Werteunion) und Mathias von Gersdorff anwesend, dazu 15–20 Mitglieder der reaktionären Gruppe „Tradition Familie Privateigentum“ (TFP), die mit Dudelsack und Gebeten das Ende des Marschs untermalten. Ebenfalls vertreten: die katholische Gruppierung Christkönigtum um Gordon Haupt, die zuletzt Kampfsporttrainings für Männer in Witten organisiert hatte. Außerdem Regnum Christi und die extrem rechte Kampagnenplattform CitizenGo. Zum ersten Mal aufgetreten sind zudem Aktivistinnen der rechten Frauengruppe Lukreta, die – passend zum „Weltkindertag“ – Schilder mit der Aufschrift „Für echte Kinderrechte“ präsentierten. Auch in Berlin war eine kleine Gruppe anwesend. Wie in der identitären Bewegung üblich, nutzten die Kleingruppen den Marsch in erster Linie um Fotos für die mediale Selbstinszenierung anzufertigen und verabschiedeten sich recht schnell wieder ins Wochenende (hier ein aktueller Bericht zu Lukreta im stern).
Religiöse Insignien prägen immer mehr das Bild
In Berlin war auffällig, dass es mehrere Dutzend jüngere Männer gab, die offensichtlich aus unterschiedlichen katholischen, freikirchlichen und orthodoxen Gemeinden kamen und religiöse Insignien mit sich führten: Marienstatuen, Heiligenbilder und übergroße 'Jesus'-Fahnen prägten das Bild. Auch einige AfDlerInnen konnten identifiziert werden, darunter prominent wieder Beatrix von Storch mit Ehemann Sven. Auch das Berliner Mitglied im Bundesvorstand der Christen in der AfD, Dejan Senic, ist wie schon im Vorjahr mit einer Gruppe serbisch-orthodoxer ChristInnen und eigenen Heiligenbildchen angetreten.
Abstieg unter Linder
Die bundesdeutsche ‚Lebensschutz’-Bewegung mit ihren Märschen in Berlin und Köln lebt vom weltweiten rechten Aufschwung, schwingt mit, biedert sich an – und bleibt doch weiter auf dem absteigenden Ast. Dieser Abstieg ist personell mit der Leitung des BVL und der Organisation der Märsche durch Alexandra Maria Linder verbunden, unter der die Events weiter schrumpfen. Inhaltlich nähert man sich Trump-nahen Positionen, der von dort propagierte christliche Nationalismus wurde nicht zuletzt auch durch Charlie Kirk repräsentiert und noch viel mehr durch die Instrumentalisierung seines Mordes durch die weltweite MAGA-Bewegung. Die Ausgrenzung und Entrechtung von gesellschaftlichen Gruppen, die eine christlich-fundamentalistische 'Lebensschutz'-Politik bedeutet, wird hinter dem bigotten Vorwurf versteckt, man selber sei verfolgt, unterdrückt und dürfe nicht mehr offen reden. Gegen den christlichen Nationalismus gibt es Widerstände in den deutschen Amtskirchen, auch gegen die Vermärtyrisierung extrem rechter MAGA-Influencer. Aber: "Wenn die Bischöfe heute erschrocken den Schulterschluss von Kreuz und Nationalismus beklagen, dann übersehen sie, wie tief beide schon immer ineinandergegriffen haben." (Zitat aus Christlicher Nationalismus. Die Lieblingswaffe der Rechtspopulisten)
Hinter Schlagworten von „Demokratie“ und „Meinungsfreiheit“ verbirgt sich eine Agenda, die gezielt feministische Errungenschaften und reproduktive Selbstbestimmung attackiert. Die geringe Zahl an Teilnehmenden mag beruhigend wirken – entscheidend bleibt jedoch die Strategie der Bewegung: Normalisierung durch Inszenierung, internationale Vernetzung mit AkteurInnen, die Geld, Infrastruktur und Know-how in die Szene pumpen, die Verlagerung in juristische Auseinandersetzungen sowie kontinuierliche Lobbyarbeit in Parlamenten und politischen Gremien. Deshalb nehmen extrem rechte Personen an den Märschen teil, von den Christen in der AfD oder den Frauen vom Netzwerk Lukreta in Berlin und Köln. Auf diese Strategie scheint es im Moment zu wenig Antworten zu geben.
Redaction: Ulli Jentsch