Die Integration des Faschismus

Escrito por: Andreas Wassermann

Warum im Italien von Giorgia Meloni rechtsextremes Gedankengut zur Normalität wird

„Faccetta Nera“ ist eines der bekanntesten faschistischen Lieder Italiens. Es verherrlicht den Kolonialkrieg der 1930er Jahre, es preist die Versklavung der afrikanischen Bevölkerung. Wer es heute singt, denkt in der Regel genauso, wie die Italiener im Schwarzhemd, die vor 90 Jahren in den Hochebenen von Äthiopien einfielen, brandschatzten und mordeten.

Mitte Mai erklang aus den Kehlen von „Alpini“, den italienischen Gebirgsjägern, „Faccetta Nera“ in der Altstadt von Biella am Rande der Alpen im Norden des Piemont. Manche schmetterten nicht nur mit Inbrunst Rassismus und Menschenverachtung durch die Gassen, sondern reckten dabei auch noch den rechten Arm zum römischen Gruß. So ist jedenfalls auf mehreren Videos zu sehen, die in italienischen Medien veröffentlicht wurden.

Nicht einmal eine Woche später, am 17. Mai, fielen Neofaschisten aus ganz Europa in der Lombardei ein. Sie wollten sich in Mailand zu einem Kongress zur Remigration, ergo zur Deportierung von Migrant*innen treffen. Mailand hatte die Versammlung zwar untersagt, aber in Gallarate, eine Stadt etwa 40 Kilometer nordwestlich von Mailand gelegen, fanden die europäischen Rechtsextremen einen Ort für ihren Kongress und einen verständigen Bürgermeister.

Etwa 200 versammelten sich im Teatro Condominio. Martin Sellner, der identitäre Hipster aus Österreich war da und Davide Quadri von der Jugendorganisation der Lega, die mit Fratelli d’Italia und der Forza Italia die rechte Regierungskoalition in Rom bildet. Quadri sagte: „Die Remigration ist ein Thema unserer Partei“. Er sei gekommen, „um zu zuhören“ und „niemanden auszuschließen“. Da sprach er wohl auch seinem Parteichef Matteo Salvini ganz aus dem Herzen. Der ließ schon vor dem Neofaschisten-Kongress jeden wissen, er halte gar nichts von Verboten. Parteifreund Andrea Cassani, Bürgermeister von Gallarate, sekundierte freudig: „In unserer Stadt kann jeder seine Meinung äußern“. (Anm.d.Red.: Quadri ist Vize-Präsident des Patriots Network, das bereits mehrfach Thema in unserem Newsletter war.)

Das Italien von Giorgia Meloni hat den Faschismus integriert, als eine von vielen politischen Auffassungen, die bestenfalls die Mehrheit der Italiener*innen die Nase rümpfen lässt, wie, wenn ausländische Touristen auch am Nachmittag Cappuccino trinken. Am 28. April - die Hinrichtung von Diktator Benito Mussolini jährte sich um 80. Mal - zogen 150 Anhänger des Duce durch Mussolinis Geburtsort Predappio in der Emilia Romagna, trugen Uniform und Fahnen von faschistischen Schwarzhemd-Brigaden und ließen die italienische Nazi-Marionetten-Republik Salò hochleben.

Mussolini-Kult auch bei den Fratelli

Der Mussolini-Kult wird dabei nicht nur von Schwarzhemd-Nostalgikern zelebriert, er reicht weit in die Reihen von Melonis Partei Fratelli d’Italia. Vertreter deren Jugendorganisation bekennen sich inzwischen ganz offen zum Faschismus. Und wenn die „Gioventù Nazionale“ Duce, Duce, Duce skandiert oder auch mal Sieg Heil auf Deutsch grölt, den rechten Arm zum römischen Gruß reckt, sind auch oft Abgeordnete aus Melonis Regierungsfraktion dabei.

Mit Melonis Wahl zur Premierministerin im Oktober 2022 setzte ein Paradigmenwechsel ein, schleichend aber nachhaltig. Zum ersten Mal in Italien nach der Befreiung von Nazifascismo regiert in Rom eine Partei, die den Antifaschismus als Grundkonsens der Nachkriegsrepublik nicht nur in Frage stellt, sondern aktiv bekämpft. Was allerdings auch wenig überrascht. Meloni wurde schließlich in einer Partei sozialisiert, wo die Alten stolz darauf waren, kommunistische Partisanen erschossen zu haben und die etwas Jüngeren zumindest klammheimliche Freude empfunden haben, wenn militante Neofaschisten Bomben in Bahnhöfen zündeten, Gewerkschaftshäuser stürmten oder auf Linke Student*innen eindroschen.

Alleanza Nazionale hieß die Partei und war der direkte Nachfolger der neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI). Die Parteiführung versuchte zwar sich des faschistischen Erbes zu entledigen, aber einflussreiche Gruppen in der Partei sahen das ganz anders; schon damals in den 1990er Jahren wollten sie die Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert umschreiben: Mussolinis Diktatur und die Rolle der Faschisten im Nachkriegsitalien, die blutigen Anschläge mit mehreren 100 Toten, die Putschpläne.

.. ein bisschen die Demokratie abschaffen

Die Italiener und Italienerinnen sollten vergessen, dass Faschisten nur als Totengräber der Demokratie taugen – egal ob sie sich Movimento Sociale Italiano, Alleanza Nazionale oder Fratelli d’Italia nannten. Einer der emphatischsten Geschichtsrevisionisten war und ist Ignazio La Russa, in den 1970er Jahren militanter Neofaschist, in der Alleanza Exponent des faschistischen Flügels, Mentor Melonis und seit 2022 Präsident des Senats, der zweiten Kammer des römischen Parlaments

Giorgia Meloni hat das Talent, den Italienern und Italienerinnen schmackhaft zu machen, warum es nur zu ihrem Besten sei, ein bisschen die Demokratie abzuschaffen. Im Mai 2024 lud die Regierungschefin in ihrem römischen Amtssitz, dem Palazzo Chigi, Intellektuelle, Künstler*innen, Politiker*innen. Eine dreiviertel Stunde lang sprach Meloni charmant, eloquent über die Verfassung, die „aus den Ruinen des Krieges“ entstanden ist, freilich ohne deren antifaschistischen Geist zu erwähnen.

Dann sprach sie von der Notwendigkeit diese Verfassung zu modernisieren, „damit die Bürger direkt entscheiden können, wen sie regieren lassen wollen“. Ohne „technokratische Experten-Regierungen oder Regenbogen-Koalitionen“. Meloni will als Premierministerin direkt gewählt werden, wie Donald Trump in den USA, Emmanuel Macron in Frankreich oder Keir Starmer in Großbritannien. Ohne lästige Koalitionen, ohne Kompromisse, durchregieren. Dort, wo die Fratelli d’Italia bereits jetzt schon durchregieren, sind die demokratischen Flurschäden erheblich: in der Kultur und den Medien.

Bereits kurz nach ihrem Amtsantritt nahm Meloni die öffentlich-rechtliche RAI ins Visier. Moderator*innen, die der neuen Rechtsregierung und Melonis Postfaschisten kritisch gegenüberstanden, verließen den Sender und wurden ausgetauscht gegen Meloni-Bewunderer*innen. Richtig eskaliert ist Melonis Rai-Affäre kurz vor dem Tag der Befreiung, am 25. April im vorigen Jahr. Antonio Scurati, Autor des preisgekrönten Mussolini-Romans „M. Der Sohn des Jahrhunderts“ wurde erst von der Rai beauftragt, eine Rede zur „Festa della Liberazione“ im TV zu verlesen, dann aber kurzfristig aus dem Programm genommen. Die Moderatorin der Sendung verlas die Rede dennoch vor laufender Kamera: „Solange diejenigen, die uns regieren, das Wort Antifaschismus nicht aussprechen, wird das Gespenst des Faschismus weiterhin das Haus der italienischen Demokratie heimsuchen.“

Andreas Wassermann: Der Partisan und der SS-Mann - zwei deutsch-italienische Biographien im 20. Jahrhundert. Ch. Links Verlag, Berlin 2025.

Beide liebten Italien, die Lebensart, die Kultur, die Sprache. Sie hätten Freunde sein können. Doch der Historiker Eugen Dollmann und der Literaturstudent Heinz Riedt schlugen im zweiten Weltkrieg diametral verschiedene Richtungen ein. Dollmann war einer der höchsten SS-Offiziere im besetzten Italien, Riedt Antifaschist und Partisan.

Der Autor begibt sich auf Spurensuche in Italien und Deutschland, erzählt die in Deutschland nahezu unbekannte Geschichte der Deutschen, die auf Seiten der italienischen Resistenza standen und als Partisanen kämpften, und wie das geteilte Deutschland nach dem Krieg mit dieser Geschichte umging.


Redacción: Ulli Jentsch

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