Symposium Report: Privatstädte als Blaupause eines neuen Manchesterkapitalismus?

Written by: Erika Harzer, Andreas Kemper

Wirtschaftliche Sonderentwicklungszonen (ZEDE) in Honduras und die wachsende Bedeutung sogenannter „Privatstädte“ im Kontext libertärer Ideologien

Zusammenfassung der Vorträge von Erika Harzer und Andreas Kemper beim ReGA-Fachtag am 20. Juni 2025

Zunächst berichtete Erika Harzer über konkrete Privatstadt-Projekte in Honduras wie Prospera auf der honduranischen Insel Roatán und zeigte deren strategische Ausweitung, internationale Verbindungen und wirtschaftspolitische Zielsetzungen auf. Erika Harzer ist Sozialpädagogin, Autorin und Filmemacherin, Trägerin des Peter-Scholl-Latour-Preises. 

Andreas Kemper erweiterte das Bild durch eine Analyse ideologischer Hintergründe, relevanter Akteure und deren politischen Einflusses in Europa und den USA. Andreas Kemper ist freischaffender Soziologe mit den Forschungsschwerpunkten zur AfD und zu Antifeminismus, Proprietarismus und Klassismus.


Erika Harzer lebte um die Jahrtausendwende in Honduras, damals gab es bereits den Plan, Stadtschiffe zu bauen, Norman Nixon wollte ein 25-stöckiges Schiff für 10.000 Einwohner, die Ciudad Flotante, errichten, das sich außerhalb staatlicher Zugriffe bewegen sollte. Später stieg Patri Friedman, der Enkel von Milton Friedman ein mit dem Seasteading Insitute. Nach dem rechten Putsch von 2009 kam dann die Idee auf, Privatstädte zu bauen.

Der damalige Regionalleiter der FDP-nahen Friedrich Naumann Stiftung, Christian Lüth, holte damals den zentralen Verfechter der Privatstadtidee, Octavio Sanchez, nach Deutschland. Er sollte Lüths Beteuerungen, dass es sich nicht um einen Putsch handelte, bekräftigen. Lüth wandte sich später der AfD zu, wurde deren Pressesprecher, wurde aber selbst dieser Partei zu rechts. Inzwischen arbeitet er wieder für die AfD, als Referent für den  Bundestagsabgeordneten Jan Wenzel Schmidt. Weitere deutsche Akteure sind der Architekt Patrick Schumacher von Zaha Hadid, ein überzeugter „Libertarist“, der Privatstadtunternehmer Titus Gebel und der ehemalige Geschäftsführer eines Unternehmens der TU München, Daniel A. Gottschald. Aus Österreich leitete die FPÖlerin und Vorsitzende des österreichischen Hayek-Instituts, Barbara Kolm, zeitweise das Aufsichtsgremium der Privatstadtprojekte (CAMP) während deren Entwicklung.

Was sind Privatstädte?
Privatstädte sind weitgehend von Unternehmen verwaltete urbane Gebiete, mit weitgehend eigenen Gesetzgebungen, Rechtsprechungen und Privatpolizei. Sie basieren auf der Ideologie des Proprietarismus, dem das Privateigentum 'heilig' ist und der Menschenrechte, Klimaschutz und Demokratie als hinderlich betrachtet. Das Ziel ist eine Struktur der totalen Vertrags'freiheit', die 'reine Privatrechtsgesellschaft'. Man zahlt in einer Privatstadt keine Steuern, sondern jährliche Gebühren.

Fallbeispiel Prospera (Roatán, Honduras)
Prospera ist eine sogenannte ZEDE (Zonas de Empleo y Desarrollo Económico). Nach dem Austausch kritischer Richter wurde sie vom Staat Honduras verfassungsrechtlich verankert und durch das Unternehmen NeWay Capital privat aufgebaut. Die Stadt unterliegt eigenen Gesetzen, einer privaten Gerichtsbarkeit und einem nach Besitz gestaffelten Wahlsystem, das dem Unternehmen eine Sperrminorität garantiert. Rechtsstaatlichkeit und demokratische Mitbestimmung werden weitgehend durch Vertragsbeziehungen ersetzt, Rechtsprechung erfolgt de facto über ein System von Versicherungen, die das Justizwesen ersetzen, Steuern werden entsprechend durch Versicherungsbeiträge ersetzt.

Trotz politischer Gegenbewegungen und der Entscheidung der neu gewählten linken Regierung von Xiomara Castro, die ZEDEs abzuschaffen, expandiert Prospera weiter. Prospera klagt in New York vor dem privatrechtlichen Schiedsgericht der Weltbank 'International Centre for Settlement of Investment Disputes' (ICSID) und verlangt 11 Milliarden Dollar Schadensersatz vom honduranischen Staat, falls die Stadt geschlossen werde. Castro hat Schritte unternommen, aus dem umstrittenen ICSID auszutreten. Prospera Roatán gelingt es, seine ursprünglich angekaufte Fläche durch den Anschluss nahegelegener Luxushotelanlagen zu erweitern. Dadurch wächst das Projekt über seine ursprünglichen physischen Grenzen hinaus.   
                                    
Die im Norden auf honduranischem Festland liegende ZEDE Ciudad Morazán wurde von dem italienischen Unternehmer Massimo Mazzone gegründet, der regelmässig auf Privatstadtkonferenzen gesichtet wird und Gründer und Chef der Centroamerican Consulting and Capital ist. In Ciudad Morazán werden hinter einer Mauer kleine Häuser für die Bewohner*innen gebaut mit einem App-basierten Zutritts- und Kontrollsystem, entwickelt aus der Refugee-City Szene, die sich in erster Linie nicht als Privatstadt-Bewegung versteht, sondern "humanitär" als Unterstützung von Menschen in Flüchtlingscamps.

Eine weitere ZEDE in Honduras ist Orquidea im Südwesten von Honduras, wo exportorientierte Agrarproduktion betrieben wird. Innerhalb der Privatstadtmodelle scheint Orquidea ein Ort zu sein, der ohne ideologisch vorkämpferische Ambitionen Menschen aufgrund der vorherrschenden Steuerbefreiung anzieht. 

Proprietaristischer Umbau ganzer Staaten

Obwohl viele Privatstadtprojekte in der Vergangenheit gescheitert sind, etwa aufgrund politischer oder juristischer Gegenwehr, zeigt Prospera, dass die Idee nicht obsolet ist. Erika Harzer wies auf die weltweite Entwicklung hin: Der proprietaristische Umbau ganzer Staaten – wie unter Javier Milei in Argentinien oder unter Donald Trump in den USA – hat den Vorstellungen der Privatstadt-Ideologen teils vorgegriffen. Während diese Städte ursprünglich als „Labore“ gedacht waren, wo neue kapitalistische Modelle erprobt werden sollten, gewinnen sie in Staaten mit radikalem Neoliberalismus neues Gewicht.

Proprietaristische Netzwerke und ideologische Einflüsse
Hinter diesen Projekten stehen keine isolierten Utopien, sondern ein breites ideologisches Netzwerk der Paypal-Gründerszene von Peter Thiel bis Elon Musk, AfD- und FPÖ-nahe Kreise spielen ebenso eine Rolle wie eine ganze Reihe von marktradikal ausgerichteten Privatuniversitäten.

Auch in Europa sind solche Ideen angekommen. Das Wissenschaftsunternehmen TUM International, eine 100%ige Tochter der öffentlichen TU München hatte die Entwicklung von Prospera vorangebracht und eine Investorenkonferenz in München organisiert. Vor allem aber waren Privatuniversitäten aus den USA und Guatemala an der Entwicklung des Privatstadtmodells in Honduras beteiligt. In den USA entwickelten das spätere „Brexit-Brain“ und Handelsberater des damaligen britischen Premiers Boris Johnson, Shanker Singham, und der Venezolaner Erik Brimen die Idee von Unternehmerstädten. Singham entwarf mit dem damaligen Geschäftsführer der TU München, Daniel A. Gottschald, ein Modell für den Kapitalismus nach der Coronakrise. Im Mittelpunkt sollten als „Prosperity Zones“ bezeichnete Privatstädte stehen, die durch nicht regulierte Verbindungen untereinander ein Powernetzwerk bilden sollten.

Unter der Trump-Regierung tauchte der Begriff Prosperity Zones wieder auf. Die Heritage Foundation schlug vor, „Maritime Prosperity Zones“ zu schaffen: neue Häfen und Werften, die von Steuern und Umweltauflagen befreit wären, um zu gewährleisten, dass die USA auf See gegen China wieder kriegstauglich werde. Diese Idee könnte mit Trumps Versprechen einhergehen, „Freedom Cities“, eine neue, weitgehend unbestimmte Form von städtischen Sonderentwicklungszonen, zu gründen.

Erik Brimens Unternehmen NeWay Capital, welches noch aus seiner Zeit in den USA mit Shanker Singham stammte und das Unternehmen hinter Prospera ist, gründete nun die Freedom Cities Coalition, um zehn Freedom Cities in den Vereinigten Staaten zu errichten. Auch in Afrika ist Prospera aktiv. Dieses Jahr noch will das Projekt „Prospera Africa“ von NeWay Capital öffentlich machen, mit welchen afrikanischen Staaten sie einen Vertrag zur Errichtung einer neuen Stadt vereinbart hat. Das Charter Cities Institute, welches ebenfalls aus Prospera hervorging und bereits eine Vorauswahl für mögliche Freedom-City-Standorte in den USA vorstellte, hat in Afrika die Initiative „The Next 50 Cities“ gegründet und arbeitet mit verschiedenen Regierungsvertretern zusammen.

"Unternehmer regieren besser als Demokratien"

Relevant ist hier auch Pronomos, das Unternehmen von Patri Friedman, in dem das Geld von Peter Thiel steckt. Erwähnt werden sollte auch Bajali Srinivasan, der miteinander verbundene Privatstädte aus einer Internet-Community, einer 'Internet-Nation' heraus gründen will, als Network-State, einem Flickenteppich-Staat.

Privatstädte als neue Gesellschaftsordnung
Privatstädte sind nicht nur ein Raum für wirtschaftliche Experimente, sondern tragen ein ideologisches Versprechen: "Unternehmer regieren besser als Demokratien". Sie sind Ausdruck einer autoritär-marktradikalen Weltanschauung, in der demokratische Mitbestimmung, Gleichheit und soziale Verantwortung als hinderlich gelten. Statt Bürgerrechten zählt Vertragsfähigkeit; statt Wahlen gibt es unternehmerische Führungsstrukturen.

Besonders bedenklich: Viele der Ideen zielen darauf ab, klassische Menschenrechte durch unternehmerische Regeln zu ersetzen. Versicherungslogiken, Handy-App-Kontrolle und Privatisierung der Justiz könnten flächendeckend eingesetzt werden. Die Privatstadt wird so zum Prototyp eines neuen Autoritarismus. Crypto-Währung spielt in Prospera eine ebenso große Rolle wie Bio-Hacking.

Migration, Repression und Expansion
Ein zentrales Element in der Debatte sind sogenannte Migrationsstädte oder Deportationszonen, in denen Migrant*innen z. B. aus Europa in afrikanische Exklaven ausgelagert werden könnten. Politiker wie Jens Spahn zeigen sich offen für entsprechende Modelle – z. B. in Ruanda. Hier vermischen sich rassistische, ökonomische und technokratische Logiken: Migration wird nicht als humanitäre Herausforderung, sondern als Standort- und Kostenfaktor betrachtet. Willkommen sind nur Leistungsfähige; der Rest wird ausgesondert oder abgeschoben. Der deutsche Privatstadtunternehmer Titus Gebel, der bereits Prospera mitentwickelt hatte, scheiterte mit seinem Geheimplan einer Privatstadt auf Sao Tome in Westafrika. Eine Gruppe, denen der Pachtvertrag ursprünglich versprochen wurde, stürmte das Militärhauptquartier, nachdem sie erfahren hatten, dass Gebel das Land bekommen sollte. Es gab vier Tote.

Aktuell plant Gebel eine Privatstadt in Brunei auf der ost-asiatischen Insel Borneo. Gebel und Christian Kälin von Henley & Partner, jenem milliardenschweren Unternehmen, das Pässe und Aufenthaltsberechtigungen kommerziell anbietet, erörterten während der Jahreshauptkonferenzen von Henley & Partner in Dubai und Singapur, wo in zwanzig Jahren die Erde in Folge der Klimakatastrophe unbewohnbar sei – dort könnten dann „entpolitisierte“ Privatstädte „für“ Klimamigrant*innen entstehen.

Ausblick und Fazit
Während manche Fragen zur Infrastruktur oder Reproduktionsfähigkeit von Privatstädten noch offen sind, sehen die Vortragenden eine reale Gefahr: Selbst wenn viele dieser Modelle ökonomisch unattraktiv bleiben sollten, dienen sie als Blaupause für den Umbau ganzer Staaten oder Sektoren. Insbesondere in Kombination mit Tech-Unternehmen, autoritären Regierungen und globalen Krisen entstehen Räume, in denen demokratische Grundsätze Stück für Stück untergraben werden.

Die Vorträge zeigten deutlich: Privatstädte sind nicht nur lokale Experimente, sondern Ausdruck einer umfassenden Strategie libertärer Netzwerke, demokratische und soziale Institutionen durch marktgesteuerte autoritäre Strukturen zu ersetzen. Der Umbau ist bereits im Gange – nicht nur in Honduras, sondern auch durch politische Einflussnahme in Asien, Afrika und den USA. Die Idee der Privatstadt droht, zur Blaupause eines neuen Manchesterkapitalismus zu werden.


Hörempfehlung zum Thema: 
Ein informativer neuer Podcast bei DLF, Tech Bro Topia, beleuchtet in sechs Teilen die ideengeschichtlichen Hintergründe libertärer und technik-positivistischer Ideologie und geht auf wichtige Personen wie Ayn Rand und Curtis Yarvin, von Marc Andreessen und Elon Musk bis J.D. Vance ein.


Redaction: Ulli Jentsch

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