Offizielles Schweigen als neue Erinnerungspolitik in Chile

Verfasst von: Ute Löhning

Am 11. September 2026 gab es zum ersten Mal seit dem formellen Übergang von der chilenischen Diktatur (1973 bis 1990) zur Demokratie keine offizielle, staatlich organisierte Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Putsches. Der extrem rechte Präsident José Antonio Kast – der selbst in der Tradition des Pinochetismus steht - erklärte, er wolle an dem Tag seine normale Arbeitsagenda fortsetzen und reiste zu Terminen in den Süden des Landes. Innenminister Claudio Alvarado erklärte, die Regierung habe sich gegen eine Gedenkveranstaltung entschieden, um zu vermeiden, dass „politische Differenzen das Land wieder zu den Extremen der Vergangenheit führen“ würden. Stattdessen müsse das Land „nach vorne“, in die Zukunft blicken, so Alvarado.

Viele Gedenkstätten und Opferverbände organisierten jedoch eigene Veranstaltungen. Tausende, darunter viele junge Menschen, demonstrierten auf dem Gelände des Nationalstadions, wo der prominent sichtbare Schriftzug „Un pueblo sin memoria es un pueblo sin futuro“ (Ein Volk ohne Erinnerung ist ein Volk ohne Zukunft) und eine Gedenkstätte darauf hinweisen, dass nach dem Putsch politische Gefangene in diesem Stadion eingesperrt, gefoltert und ermordet wurden. 

Frauen mit Kerzen und „Nunca Más“ („Nie wieder“)-Rufen füllten abends den Platz vor dem Regierungspalast La Moneda, den Militärs und um General Augusto Pinochet am 11. September bombardiert hatten, und der seit Kasts Amtsantritt mit Gittern abgesperrt ist. Schon am vorhergehenden Sonntag, dem 6. September, waren Tausende in einem Gedenk- und Demonstrationszug zum Zentralfriedhof in Santiago de Chile gezogen, um der Opfer der Diktatur zu gedenken. Sie demonstrierten gegen Hafterleichterungen und mögliche Begnadigungen von Personen, die wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Folter und Mord während der Diktatur verurteilt wurden und gegen Kürzungen und Umstrukturierungen beim Nationalen Suchplan, mit dessen Hilfe das Schicksal der verschwundenden politischen Gefangenen aufgeklärt werden soll. Denn nach dem Putsch von General Augusto Pinochet gegen den demokratisch gewählten sozialistischen Präsidenten Salvador Allende waren über 3.000 politische Gefangene ermordet worden, mehr als 1.100 Personen sind bis heute verschwunden. 

Der erinnerungspolitische Kurs der Regierung erntet viel Kritik aus Wissenschaft und Politik. Die Psychologin vom Menschenrechtszentrum der Universität Alberto Hurtado (UAH) in Santiago, Elizabeth Lira, betonte gegenüber DW, die mögliche Begnadigung von Verbrechen gegen die Menschlichkeit höhle die staatliche Verpflichtung aus, wonach der Staat sicherstellen muss, dass sich die Verbrechen nicht wiederholen. 

Auch im parteipolitischen Raum sogar bis zum Spektrum der traditionellen politischen Rechten gibt es Widerspruch. Der Abgeordnete Raúl Soto, Vorsitzender des Partido por la Democracia aus dem Mitte-Links-Spektrum, kritisierte gegenüber dem chilenischen Portal El Mostrador, angesichts des 11. Septembers zu schweigen, sei „an sich schon ein Akt des Negationismus“, also der Leugnung der Geschichte und der Verbrechen des Putsches und der Diktatur.

Auch im Fall der Aufarbeitung der Verbrechen der Colonia Dignidad, der ehemaligen deutschen Sektensiedlung in Chile, bremste die Regierung Kast die Pläne zur Enteignung von Teilen des Geländes zwecks Errichtung einer Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums bereits im März aus. Derweil haben sich Vertreter*innen der Asociación por la Memoria Colonia Dignidad an die UN-Arbeitsgruppe zu Fragen des gewaltsamem Verschwindenlassens gewandt und Berichte über Folter in der Colonia Dignidad und Rückschritte in der Aufklärung von Menschenrechtsverletzungen in Chile vorgelegt. Die UN-Arbeitsgruppe hat keine verbindliche Machtkompetenz, kann aber die Regierung Chiles kontaktieren und deren Politik hinterfragen. 

Am 7.10. stimmte eine Mehrheit in der Abgeordnetenkammer für eine Erklärung zur Aufarbeitung von Menschenrechtsverletzungen in der Ex Colonia Dignidad. Die Erklärung, die auf die Initiative des Anwalts Roberto Celedón zurückgeht, betont die Verantwortung des Staates für die Aufarbeitung und Erinnerung und dafür, dass sich die dort begangenen Verbrechen nicht wiederholen. Denn der chilenische und der deutsche Staat tragen beide Verantwortung, dass Folter, Mord, Zwangsarbeit und sexualisierte Gewalt dort geschehen konnten.

Ab 30. Oktober wird im Museum der Erinnerung und Menschenrechte (MMDH) in Santiago eine zweisprachige Sonderausstellung zur Colonia Dignidad zu sehen sein. Bis April 2027 werden Audios, Videos, Fotos, Texte und andere Materialien und Objekte ausgestellt, die Erinnerungen an die Colonia Dignidad aufzeigen. Das Kooperationsprojekt der Freien Universität Berlin und des MMDH in Santiago stützt sich auf die Untersuchung verschiedener Studien zum Thema. Es ist kein Ersatz für eine dauerhafte Gedenk- und Dokumentationsstätte in der heutigen Villa Baviera, aber ein Weg, die Perspektiven auf das Thema Colonia Dignidad zu weiten.


Redaktion: Susanne Brust

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