Veröffentlichung
29. September 2026
Antifeministische Allianzen: Netzwerke, Infrastruktur und die AfD
Verfasst von: Lina Dahm
Marsch für das Leben in Berlin, 2019
Bild von C.Suthorn via wikimedia commons, Lizenz CC BY-SA 4.0
Hier dokumentieren wir den Input von Lina Dahm auf dem ReGA-Fachtag am 18. September 2026. Lina Dahm ist freie Journalistin und Podcasterin. Für die Podcastreihe Antifeministische Allianzen hat sie umfangreich zu antifeministischen Verbindungen recherchiert. Ihr Fokus liegt dabei auf Abtreibungsgegner*innen, die sich oftmals in einer transnationalen Anti-Choice-Bewegung organisieren. In ihrem Beitrag für den Fachtag erklärte Lina Dahm am Fall Brosius-Gersdorf, wie Kampagnen der Anti-Choice-Bewegung in Deutschland funktionieren, welche politischen Lager sie verbindet und welche internationalen Verbindungen eine Rolle spielen.
„Nach reiflicher Überlegung stehe ich für die Wahl als Richterin des Bundesverfassungsgerichts nicht mehr zur Verfügung.“ Das war die Erklärung von Frauke Brosius-Gersdorf am 7. August 2025. Brosius-Gersdorf war von der SPD als Richterin am Bundesverfassungsgericht vorgeschlagen worden. Dem Zitat und ihrem Rücktritt von der Kandidatur vorausgegangen war eine massive Kampagne gegen ihre Kandidatur und ihre Person. In derselben Erklärung schrieb sie: „Lässt sich die Politik auch künftig von Kampagnen treiben, droht eine nachhaltige Beschädigung des Verfahrens der Bundesverfassungsrichterwahl.“
Ich steige mit diesem Fall ein, weil er für mich sehr viel von dem sichtbar macht, worüber wir sprechen müssen, wenn wir über die Anti-Choice-Bewegung und ihre Verbindungen reden. Nicht, weil die Kampagne gegen Brosius-Gersdorf der Beginn einer neuen Entwicklung gewesen wäre. Sondern gerade, weil sie es nicht war. Denn wir sprechen über AkteurInnen (Personen aus der Anti-Choice-Bewegung werden hier absichtlich nicht mit * gegendert, Anm. d. Red.), die seit Jahren genau solche Kampagnen üben und erproben: wie man Petitionen strategisch einsetzt, wie man vorgefertigte Briefe an Abgeordnete versendet, wie man Demonstrationen organisiert, Social Media und Social Media-Marketing macht, Lobby- und Medienarbeit betreibt und zunehmend auch juristische Auseinandersetzungen führt, um die eigenen Ziele zu erreichen.
Diese AkteurInnen sind punktuell miteinander verbunden. Ich möchte heute weniger darüber sprechen, was Antifeminismus ist, ich möchte vielmehr in 16 Punkten zeigen, was die Debatte um Schwangerschaftsabbrüche im Speziellen und Antifeminismus im Allgemeinen politisch ermöglicht: Wer sind die AkteurInnen? Welche Infrastruktur haben sie aufgebaut? Wie funktionieren ihre Allianzen? Welche Rolle spielt die AfD dabei? Und vor allem: Was bedeutet das für jene, die emanzipatorische NGOs oder Projekte leiten, die aufgrund ihrer Positionen oder Arbeit in den Fokus dieser AkteurInnen geraten könnten, für die Arbeit von Parteien, Journalist*innen, Fachreferent*innen etc.?
1. Brosius-Gersdorf: Was passiert eigentlich bei einer solchen Kampagne?
Schauen wir uns die Kampagne gegen Frau Brosius-Gersdorf noch einmal an. Ein zentraler Angriffspunkt in der Kampagne waren ihre Aussagen zum Thema Schwangerschaftsabbruch. Brosius-Gersdorf hatte als Sachverständige in einer von der Bundesregierung eingesetzten Kommission zur Reform des Schwangerschaftsabbruchs, also des Paragrafen 218 Strafgesetzbuch, gearbeitet. Eine Aussage aus diesem Zusammenhang wurde vor allem von organisierten AbtreibungsgegnerInnen immer wieder aufgegriffen: „Es gibt gute Gründe dafür, dass die Menschenwürdegarantie erst ab Geburt gilt.“ Der Kontext dieser Aussage spielte in der Kampagne kaum noch eine Rolle, entgegen der Aussagen vieler argumentierte sie bspw. nicht für eine generelle Erlaubnis von Schwangerschaftsabbrüchen bis zur Geburt.
Entscheidend war: Hier ist eine Staatsrechtlerin, die das Abtreibungsrecht liberalisieren will. Und damit hatte man einen Angriffspunkt, der gerade für die Anti-Choice-Bewegung extrem gut funktioniert. Schwangerschaftsabbruch ist ein Thema, mit dem sich sehr leicht mobilisieren lässt. Annika Brockschmidt bezeichnete das Thema letztens als „Marketingstrategie“ und das trifft es sehr gut: Es geht um Leben und Tod. Um Kinder. Um Frauen. Um Moral. Um Religion. Um die Frage, wann menschliches Leben beginnt. Und es ist ein Thema, zu dem sehr viele Menschen zumindest intuitiv eine Meinung haben. Das macht es politisch so brauchbar. Aber in der Kampagne passiert dann etwas Interessantes. Aus einer Auseinandersetzung über Abtreibungsrecht wurde eine Auseinandersetzung über eine Person. Und aus dieser Auseinandersetzung über eine Person wurde eine Auseinandersetzung über die Justiz. Und aus dieser Auseinandersetzung über die Justiz wurde eine Auseinandersetzung darüber, wer überhaupt legitimiert ist, über unsere Verfassung zu entscheiden. Und an diesem Punkt treffen sich verschiedene politische Interessen.
Die Anti-Choice-Bewegung hat ein Interesse daran, zu verhindern, dass eine Befürworterin der Liberalisierung des Abtreibungsrechts als Richterin tätig wird. Obwohl sie nicht einmal in der Kammer gesessen hätte, in der über eine mögliche Reform des §218 StGB entschieden worden wäre - wohl aber hätte sie über ein etwaiges Verbot der AfD entschieden und so war geradezu logisch, dass (extrem) rechte Medien und die AfD ein Interesse daran hatten, eine vermeintlich „linke“ oder „aktivistische“ Verfassungsrichterin zu verhindern.
Das heißt nicht, dass es eine zentrale Stelle gab, die diese gesamte Kampagne gesteuert hat, und genau das finde ich wichtig. Wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass eine Allianz nur dann existiert, wenn alle Beteiligten gemeinsam an einem Tisch sitzen und einen Kampagnenplan entwickeln. Denn diese politischen Allianzen funktionieren anders. AkteurInnen können unterschiedliche Interessen haben und trotzdem dasselbe Ziel verfolgen. Gerade beim Thema Antifeminismus übernehmen sie Inhalte, die von anderen entwickelt wurden, stellen Reichweite oder Zugang zu PolitikerInnen zur Verfügung oder bringen vermeintliche ExpertInnen in politische Prozesse ein. Genau das haben wir bei der Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf gesehen.
2. Das Entscheidende ist nicht nur die Ideologie – es ist die Infrastruktur
Wenn wir über die Anti-Choice-Bewegung sprechen, denken viele zunächst an Demonstrationen: An den Marsch für das Leben. An Mahnwachen vor Kliniken. An betende AktivistInnen. Das gibt es natürlich. Aber wenn wir verstehen wollen, wie diese Bewegung politisch funktioniert, reicht dieser Blick nicht. Denn ein großer Teil der Arbeit findet dort statt, wo wir sie weniger sehen: In Büros. In Lobbygesprächen. In juristischen Verfahren. In Parlamenten bzw. parlamentarischen Ausschüssen. In Hintergrundgesprächen. In Social-Media-Redaktionen. In der Produktion von Studien, Argumentationspapieren und Briefings. Und genau hier hat sich in den vergangenen Jahren viel professionalisiert.
Die deutsche „Lebensschutz“-Bewegung ist keine Massenbewegung. Wir sprechen hier von ca. 50 Vereinen, die mehr oder weniger groß bzw. einflussreich sind. Eher weniger. Aber sie ist vergleichsweise gut vernetzt und setzt die Themen und Talking Points. Das ist für mich der entscheidende Punkt: Man muss nicht besonders groß sein, wenn man besonders gut organisiert ist.
3. Ein Beispiel: 1000plus und Kristijan Aufiero
Nehmen wir 1000plus-Profemina. Früher war das ein Verein, heute ist es eine gemeinnützige GmbH und nach Angaben ihres Geschäftsführers Kristijan Aufiero die größte Lebensschutz-Organisation in Europa. 1000plus beschreibt sich selbst als Beratungs- und Hilfsorganisation für Frauen im Schwangerschaftskonflikt. Gleichzeitig betreibt die Organisation politische Interessenvertretung und eine eigene Nachrichtenplattform namens Corrigenda. Im Lobbyregister des Unternehmens steht ausdrücklich, dass sie sich mit Briefen, E-Mails und Petitionen an Politiker*innen verschiedener Ebenen wendet und das Ziel verfolgt, eine weitere Liberalisierung des Abtreibungsrechts zu verhindern.
Spannend ist: Kristijan Aufiero wurde im Februar 2025 als von der AfD berufener Sachverständiger zur Reform des Schwangerschaftsabbruchs im Bundestag angehört. Er sitzt also dort als Sachverständiger und bringt seine vermeintliche Expertise in die parlamentarische Debatte ein. Und seine Position war ziemlich eindeutig: Er argumentierte gegen eine Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs in der frühen Schwangerschaft und für eine „lebensbejahende“ Beratung. 2026 wurde er erneut auf Vorschlag der AfD als Sachverständiger eingeladen, diesmal in den Gesundheitsausschuss. Das ist eine Entwicklung, auf die wir schon schauen sollten.
Denn die AfD, die sich klar gegen Schwangerschaftsabbrüche positioniert, hat hier eine Infrastruktur, auf die sie zugreifen kann. Sie hat in der „Lebensschutz“-Bewegung Organisationen und Personen, die seit Jahrzehnten in diesem Bereich arbeiten und gerne mit ihnen arbeiten. Dort findet sie - wenn nötig - auch juristische Expertise und Kampagnenerfahrung in diesem Gebiet. So wird die AfD zum parlamentarischen Arm der organisierten AbtreibungsgegnerInnen.
4. Noch ein Beispiel: 40 Days for Life und Tomislav Čunović
Ein ähnliches Beispiel ist der Rechtsanwalt Tomislav Čunović, er ist Executive Director of International Affairs bei 40 Days for Life und Counsel des Institute of Law & Justice, dem juristischen Arm von 40 Days. 40 Days for Life ist vor allem durch 40-tägige Mahnwachen vor Einrichtungen bekannt, in denen Schwangerschaftsabbrüche angeboten oder Beratungen durchgeführt werden. Aber auch bei dieser ursprünglich aus den USA stammenden Organisation geht es nicht nur um Aktivismus auf der Straße.
2024 wurde Čunović ebenfalls von der AfD als Sachverständiger zu einer Bundestagsanhörung zum Schutz von Schwangeren vor sogenannten Gehsteigbelästigungen eingeladen. Seine Position war, dass ein gesetzlicher Schutzabstand von 100 Metern einen unverhältnismäßigen Eingriff in die Versammlungsfreiheit darstelle. Es ist eines von vielen Beispielen dafür, wie die eigene antifeministische Praxis - die Dauerbelagerung von Beratungsstellen und Kliniken, die nachgewiesenermaßen Menschen belästigt - als Grundrecht formuliert wird, in diesem Fall als Versammlungsfreiheit:
Aus „Wir wollen vor Kliniken demonstrieren“ wird: „Wir verteidigen die Versammlungsfreiheit.“
Aus „Wir wollen Abtreibungen verhindern“ wird „Wir verteidigen das Recht auf Leben.“
Aus „Wir wollen Sexualaufklärung einschränken“ wird: „Wir verteidigen Elternrechte.“
Aus „Wir lehnen trans Personen ab“ wird: „Wir schützen Kinder.“
Und damit verändert sich der gesellschaftliche Resonanzraum und auch die Möglichkeit, wie demokratische Akteur*innen darauf reagieren können.
5. Genau hier liegt die Funktion antifeministischer Themen
Das ist für mich eine wichtige politische Funktion von Antifeminismus - nicht nur von Antifeminismus, aber um den geht es heute eben schwerpunktmäßig - und gerade er kann sehr unterschiedliche politische Projekte miteinander verbinden. Nicht weil alle Beteiligten dasselbe wollen, sondern weil bestimmte Themen als gemeinsame Konfliktfelder funktionieren. Abtreibung ist eines. „Gender“ ist eines. Trans Rechte sind eines. Sexualpädagogik ist eines. Familienpolitik ist eines. Und besonders stark ist der Begriff des Kinderschutzes.
Wir haben das beispielsweise bei Protesten gegen Drag-Lesungen gesehen. In München standen bei solchen Protesten 2023 sehr unterschiedliche AkteurInnen nebeneinander: Pandemie-LeugnerInnen, AfD, Burschenschaften, Identitäre, christliche FundamentalistInnen, organisierte AbtreibungsgegnerInnen und trans-exkludierende FrauenrechtlerInnen. Was sie verbunden hat, war nicht ein gemeinsames politisches Programm. Es war ein gemeinsames Feindbild und ein gemeinsames Narrativ: Wir müssen Kinder schützen. Das ist politisch unglaublich anschlussfähig. Denn wer möchte schon sagen: „Ich bin gegen den Schutz von Kindern“? Niemand. Radikale politische Forderungen müssen nicht radikal formuliert werden. Sie können in eine Sprache übersetzt werden, die sehr weit in die Gesellschaft hinein anschlussfähig ist.
6. Die AfD als Verstärker – und nicht nur als weitere AkteurIn
Kommen wir nochmal auf die AfD zu sprechen. Ich würde die AfD nicht einfach nur in eine Liste antifeministischer AkteurInnen einordnen - das sind sie ohne Zweifel. Aber durch ihren zunehmenden Einfluss ist ihre Rolle ist inzwischen eine andere. Sie fungiert als politischer Verstärker und institutionelle Schnittstelle: Der vorher erwähnte parlamentarische Arm von AntifeministInnen. Sie kann Themen, die zuvor vor allem in aktivistischen oder religiös-konservativen Milieus verhandelt wurden, in parlamentarische Debatten bringen. Sie lädt AkteurInnen aus diesen Milieus als Sachverständige ein und greift ihre Positionen in parlamentarischen Anfragen auf. Beim Lesen der Programme findet man die Narrative und Forderungen von organisierten AbtreibungsgegnerInnen. Sie besucht Proteste - und organisiert sie selbst. Heute findet beispielsweise im Kölner Rathaus eine Vorabendveranstaltung der AfD zum Thema „Lebensschutz in woken Zeiten“ statt - explizit als Rahmenveranstaltung zum morgigen Marsch für das Leben gelabelt. Sie verstärkt Kampagnen und kann die Themen gleichzeitig mit anderen politischen Projekten verbinden.
Wenn man sich das Bundestagswahlprogramm der AfD von 2025 anschaut, ist das ziemlich deutlich. Dort heißt es, die geltenden Regelungen des §218 ff. seien „ausgewogen“ und bedürften keiner Änderung. Gleichzeitig fordert die AfD unter anderem, dass in der Schwangerschaftskonfliktberatung Ultraschallaufnahmen gezeigt werden, lehnt eine Anerkennung von Abtreibung als Menschenrecht ab und will Förderungen für Organisationen ablehnen, die Abtreibungen „forcieren oder verharmlosen“. Das Thema Abtreibung ist also keineswegs nur ein Randthema, es steht in einem umfassenderen gesellschaftspolitischen Projekt.
7. Abtreibung ist dabei nur ein Element
Aber es reicht nicht, nur auf die Positionen der AfD zum Thema Abtreibung zu schauen. Im selben Kapitel des AfD-Programms finden wir die Forderung nach einer Politik, die die traditionelle Familie privilegiert. Wir finden die Vorstellung, dass es zwei biologische Geschlechter gibt. Wir finden Angriffe auf das Selbstbestimmungsgesetz. Wir finden die Behauptung, Kinder und Jugendliche würden durch einen „Trans-Kult“ manipuliert. Und wir finden eine starke Verknüpfung von Familien-, Geschlechter- und Bevölkerungspolitik.
Die Frage lautet nicht mehr nur, was die AfD über Abtreibung denkt, sondern welche Gesellschaft die AfD anstrebt und welche Rolle Reproduktion, sexuelle und geschlechtliche Selbstbestimmung dabei spielen. Die AfD spricht über Demografie, verknüpft das mit Geburtenraten, Familie, Geschlecht, Migration und zeigt damit wie tiefgreifend sie Individuen und ihre Lebensentwürfe beeinflussen möchte, um zu einer aus ihrer Sicht wünschenswerten Gesellschaft zu kommen.
Ich persönlich glaube, dass das Thema Demografie in den kommenden Jahren eine größere Rolle in den Debatten spielen wird. Bereits 2022 schrieben Swantje Höft, Judith Goetz, Livia Sz. Oláh und Andrea Pető in einem Artikel im österreichischen Standard: „Das Narrativ des demografischen Wandels hat der extremen Rechten Möglichkeiten eröffnet, rassistische Diskurse zu modernisieren und ihre Themen in Mainstream-Medien zu etablieren und damit die sogenannte „Mitte der Gesellschaft“ zu erreichen.“ Sie betonen also auch hier die Anschlussfähigkeit an weite Teile der Gesellschaft, in der das Thema immer wieder diskutiert wird und schreiben weiter: „Feministische und progressive Beschäftigungen mit dem Thema wären daher ebenso dringend notwendig wie die Entwicklung von solidarischen Gegennarrativen, um das Feld eben nicht den Rechten zu überlassen.“
8. Reproduktion und die extreme Rechte
Denn wenn die extreme Rechte über Demografie spricht, geht es nicht nur um die abstrakte Zahl der Geburten sondern oft darum, wer in Zukunft Kinder bekommen soll und wer lieber nicht. Auf der einen Seite steht Migration als angebliche Bedrohung der nationalen Identität. Auf der anderen Seite steht die Forderung nach mehr Geburten innerhalb der „eigenen“ Bevölkerung.
Das macht Familien- und Reproduktionspolitik zu einem Teil eines größeren Gesellschaftsprojekts. Und deshalb stehen die Forderung nach „Remigration“ - also nach der Vertreibung und Deportation von Menschen, die aus ihrer Sicht nicht hierher gehören - und antifeministische Politik nebeneinander. Und dahinter liegt eine völkisch-rassistische Vorstellung von Nation, Familie, Geschlecht und Bevölkerung.
9. Aber die AfD baut diese Infrastruktur nicht alleine
Und jetzt komme ich wieder zurück zu den internationalen Netzwerken. Denn diese Entwicklung ist ja kein deutsches AfD-Phänomen, sondern ein transnationales. Es gibt hier eine Vielzahl an Organisationen - herausgearbeitet hat das Neil Datta vom European Parliamentary Forum for Sexual & Reproductive Rights (EPF) in seinen Reports über die Agenda Europe sowie die zwei - ich nenne es mal Finanzanalysen - Tip of the Iceberg und The Next Wave: How Religious Extremism Is Regaining Power.
Ich greife mir heute exemplarisch eine der dort aufgeführten Organisationen heraus: die Alliance Defending Freedom International. Die ADF ist eine Lobbyorganisation, die ihre Investitionen in Europa in den letzten Jahren nochmal deutlich erhöht hat, wie Untersuchungen vom EPF zeigen. Die ADF ist nicht die einzige US-amerikanische Organisation, die in Europa und Deutschland investiert, um lokal gegen reproduktive oder queere Rechte mobil zu machen. Da wären auch noch Tradition, Familie, Privateigentum (TFP) oder Heartbeat International, die gerade eine Konferenz hier in Berlin abhalten, oder auch die World Youth Alliance, um nur ein paar zu nennen.
Aber die ADF International steht symptomatisch für diese transnationale Vernetzung, die deutsche AntifeministInnen seit einigen Jahren mit finanzieren und vor allem auch mit Wissen und Erfahrung ausstatten. Die ADF unterstützt ganz konkret bei juristischen Auseinandersetzungen - zum Beispiel bei der Durchsetzung von Mahnwachen und Kundgebungen organisierter AbtreibungsgegenerInnen innerhalb der vor zwei Jahren beschlossenen Bannmeile von 100 Metern. Mit Erfolg.
Das Geld fließt auch in die Organisation von Kongressen, die Erstellung von Briefings oder Organisation von Hintergrundrunden im Europaparlament wo sie in konservativen bis extrem rechten Fraktionen und Parteien lobbyieren. Die ADF hat den Kulturkampf in die Gerichtssäle dieser Republik getragen und mischt sich gezielt in Debatten um Meinungs-, Versammlungs- und Religionsfreiheit ein, um rechte und konservative Positionen als legitime „Freiheitsfragen“ zu setzen. Freiheitsrechte werden dabei strategisch genutzt – quasi als „weaponized free speech“ –, um Kritik abzuwehren und die Grenzen des gesellschaftlich Sagbaren nach rechts zu verschieben.
Ist ADF einfach eine extrem rechte Organisation? Nein, das wäre analytisch zu kurz. Aber sie stellt ihr Wissen und ihre Infrastruktur eben der extremen Rechten zur Verfügung und arbeitet punktuell auch mit ihr zusammen bzw. betreibt aktiv Lobbyarbeit. Ein Beispiel ist eine Veranstaltung zum Digital Services Act, auf der die ADF im Mai 2025 gemeinsam mit Mitgliedern der Fraktionen Patriots for Europe und ECR zum Thema „The Digital Services Act and Threats to Freedom of Expression“ diskutierten. Sie lobbyieren auch bei Themen wie Abtreibung, Leihschwangerschaft, Christenverfolgung, Meinungsfreiheit, etc.
10. Diese Brücke ist also transnational
Wir sehen ein Muster, bei dem diese Themen und damit einhergehende politische Strategien über Grenzen hinweg wandern. Das Ende von Roe v. Wade (Grundsatzentscheidung des Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staaten vom 22. Januar 1973, das das Recht auf Abtreibung garantierte, Anm. d. Red.) wurde in der deutschen „Lebensschutz“-Bewegung gefeiert. Strategien, die in den USA eingesetzt werden, werden bisweilen kopiert und hier in angepasster Form übernommen. US-amerikanische AktivistInnen treten bei deutschen Veranstaltungen auf oder schicken Videobotschaften. Matt Britton von 40 Days for Life trat beim Marsch fürs Leben in München auf; Lila Rose von der Antiabtreibungsorganisation Live Action schickte eine Videobotschaft; auch Bischof Robert Barron sprach per Video den Kulturkampf gegen liberale Abtreibungsgesetze ausdrücklich als internationalen Konflikt an.
Die USA sind ein Vorbild. Deutsche Anti-Choice-AkteurInnen beobachten sehr genau, was in den USA passiert und wir sollten daher einen genauen Blick auf Entwicklungen in den USA - und natürlich anderen autoritären Staaten - haben. Denn es gibt Organisationen und Vereine hier in Deutschland, die diese Strategien parat haben und sie hier umsetzen können. Ich erinnere an die Kampagne gegen Frauke Brosius-Gersdorf.
11. Das eigentlich Spannende: Die AfD braucht die Allianz nicht vollständig zu kontrollieren
Ich glaube nicht, dass wir uns die aktuelle Entwicklung als einen großen, zentral gesteuerten Plan vorstellen sollten. Viel interessanter ist, sich das Ganze als ein Netzwerkmodell vorzustellen. Wir haben verschiedene Knotenpunkte. Da sind Anti-Choice-Organisationen. Da sind christlich-fundamentalistische Gruppen. Da sind rechte Medien. Da sind die AfD und andere extrem rechte Parteien. Da sind internationale Lobbyorganisationen. Da sind juristische AkteurInnen. Da sind InfluencerInnen. Und da sind Einzelpersonen, die zwischen diesen Milieus wechseln.
Nicht alle teilen dieselbe Ideologie. Aber sie können dieselben Ressourcen, dieselbe Sprache, dieselben Narrative nutzen. Und sie können sich gegenseitig verstärken. Der eine hat die Expertise. Die andere hat das Geld. Der nächste hat Reichweite. Jemand anderes hat den Zugang zu einem Parlament. Und wieder jemand anderes kann eine Demonstration organisieren. Das ergibt zusammen politischen Einfluss.
12. Was hat sich verändert?
Ich würde deshalb sagen, dass wir es mit drei Entwicklungen zu tun haben:
Erstens: Professionalisierung. Die Anti-Choice-Bewegung ist nicht mehr nur eine Protestbewegung. Sie arbeitet zunehmend mit Lobbying, juristischen Strategien, Medienarbeit und politischer Expertise.
Zweitens: Transnationalisierung. Organisationen, Argumente, Kampagnenstrategien und Personal bewegen sich über Grenzen. Was in den USA funktioniert, kann in Europa adaptiert werden. Was in einem europäischen Land funktioniert, kann in einem anderen wieder auftauchen.
Drittens: Institutionalisierung. Und das ist vielleicht der wichtigste Punkt. AkteurInnen aus diesen Milieus gelangen zunehmend in politische Institutionen. Sie werden gehört und als ExpertInnen eingeladen, zitiert und ihre Argumente werden in parlamentarische Debatten übernommen. Übrigens war bzw. ist das eines der zentralen Ziele der Agenda Europe, einem paneuropäischen, christlich-extremistischen Netzwerk, gewesen: die eigenen Leute in diesen ExpertInnen-Status zu bringen. Und da waren sie eben erfolgreich. Blicken wir auf Deutschland, ist neben der AfD und in Bezug auf „Lebensschutz“-Themen wie Schwangerschaftsabbruch, Leihmutterschaft, Sterbehilfe eben auch die Union wichtig. Denn sie kann eine institutionelle Infrastruktur anbieten, die ein kleines außerparlamentarisches Milieu allein niemals hätte.
13. Was bedeutet das für uns?
Ich glaube, dass wir uns auf mehr solcher Kampagnen einstellen müssen. Aber nicht unbedingt auf Kampagnen, die genauso aussehen wie die gegen Brosius-Gersdorf. Das wäre zu kurz gedacht. Die nächste Kampagne kann sich gegen eine Beratungsstelle richten. Gegen eine Ärztin. Gegen einen Verein. Gegen eine Sexualpädagogin. Gegen eine Journalistin. Gegen eine trans Person. Gegen eine Wissenschaftlerin. Gegen ein Buch. Oder gegen eine vermeintlich „linke“ Institution. Das Thema kann sich ändern. Die Infrastruktur bleibt. Deshalb sollten wir nicht nur lernen, auf einzelne Kampagnen zu reagieren sondern schauen, was sich in der eben beschriebenen Infrastruktur tut.
14. „Follow the infrastructure“
Konkret könnte das bedeuten: Wenn plötzlich ein Narrativ auftaucht, sollten wir fragen: Woher kommt es? Wer hat es zuerst formuliert? Ist es wirklich neu? Oder wurde es schon vor zwei Jahren in den USA, in Brüssel oder in einem anderen europäischen Land benutzt? Wer verbreitet es? Welche Organisationen greifen es auf? Welche Medien geben ihm Reichweite? Welche PolitikerInnen übernehmen es? Wer wird als Expert*in präsentiert? Und - auch wenn das hierzulande oft schwierig ist - wer finanziert die Infrastruktur dahinter?
Das ist für mich eine viel produktivere Form der Analyse als nur zu sagen: „Das ist antifeministisch.“ Das wissen wir häufig schon. Die interessantere Frage lautet: Wie wird aus einer antifeministischen Position politischer Einfluss oder gar Macht?
15. Wir müssen unsere eigenen Allianzen ernst nehmen
Genauso wie antifeministische Politik erfolgreich Brücken zwischen verschiedenen Milieus baut, tun das auch feministische Theorie und Praxis. Wir haben ebenfalls Netzwerke und die haben - gerade im Bereich feministischer Politik - viel erreicht in den vergangenen zehn, fünfzehn Jahren. Das sind Netzwerke, die sich gut ergänzen, Aktivist*innen, Jurist*innen, Mediziner*innen, Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, Netzwerker*innen.
16. Mein Appell
Denn antifeministische Politik ist keine Reihe voneinander getrennter Einzelkämpfe. Die Kampagne gegen Brosius-Gersdorf war nicht nur eine Kampagne gegen eine Juristin. Sie war ein Beispiel dafür, wie vorhandene politische Infrastrukturen funktionieren können.
Die Anhörungen von Kristijan Aufiero und Tomislav Čunović zeigen, wie außerparlamentarische AkteurInnen über die AfD Zugang zu institutionellen Räumen bekommen können.
ADF zeigt, wie juristische und politische Strategien international organisiert werden können.
Und die deutsche „Lebensschutz“-Bewegung zeigt, dass man über Jahre eine Infrastruktur aufbauen kann, die dann im richtigen Moment sehr schnell mobilisierbar ist.
Das sollten wir ernst nehmen. Nicht, weil wir jetzt jede Petition, die auf Citizen Go erscheint, und jede konservative Äußerung als Teil einer großen Verschwörung interpretieren sollten. Sondern gerade weil wir genauer hinschauen müssen. Wer arbeitet mit wem? Wer gibt wem Zugang? Welche Strategien werden international entwickelt? Welche davon werden gerade in Deutschland getestet?
Und: Welche Infrastruktur brauchen wir, damit wir nicht erst reagieren, wenn die nächste Kampagne bereits läuft? Die antifeministischen Netzwerke bauen diese Brücken seit Jahren. Unsere Aufgabe sollte deshalb nicht nur sein, einzelne Brücken einzureißen. Wir sollten unsere eigenen bauen. Und zwar jetzt – bevor wir sie brauchen.
Redaktion: Susanne Brust