Veröffentlichung
15. September 2026
Political Network for Values - Das High End-Netzwerk der christlichen Werte
Verfasst von: Ute Löhning
José Antonio Kast beim VI. Transatlantic Summit des Political Network for Values, 2024 in Madrid
Bild von Janitoalevic via wikimedia commons, Lizenz CC BY-SA 4.0
Das Political Network for Values (PNfV) ist eine Art Goldstandard unter den internationalen Netzwerken der extremen Rechten. Es ist ein religiös, vor allem christlich geprägtes Netzwerk hochkarätiger Persönlichkeiten aus der Politik und teils hochrangiger Regierungsvertreter:innen aus den USA, Lateinamerika, Europa und Afrika. Diese treffen sich regelmäßig bei „Regional Summits“ oder den inzwischen jährlich stattfindenden „Transatlantic Summits“ (regionale oder transatlantische Gipfeltreffen). Dafür hat das PNfV Zugang Zugang zu offiziellen Gebäuden, wie dem UN-Hauptquartier in New York, dem EU-Parlament in Brüssel, dem Madrider Senatsgebäude und zu Kongressgebäuden in Guatemala Stadt und in Bogotá.
Finanzstarke Sponsoren und Stiftungen, aber auch Regierungen, Parteien oder Parlamentsfraktionen finanzieren diese Gipfel und fördern damit die Vernetzung extrem konservativer Akteure und die Ausbildung von deren Nachwuchseliten. In der Öffentlichkeit ist das PNfV - zu deutsch das Politische Netzwerk für Werte – hingegen vergleichsweise wenig bekannt, seine Bedeutung wird meist unterschätzt.
Ursprung im erzkonservativen Katholizismus Mexikos und Spaniens
Gegründet wurde das PNfV 2014 von spanischen und mexikanischen Erzkonservativen. Das erste Treffen, der „I Transatlantic Summit“ fand in den Räumlichkeiten der Vereinten Nationen in New York statt, unterstützt von den Vertretungen Ungarns, Katars, Belarus und des Vatikan. Mehrere Führungspersonen wie die Geschäftsführerin Lola Velarde und der Generalsekretär und Vizepräsident Rodrigo Iván Cortés stehen der in den 1950er Jahren in Mexiko entstandenen, geheimen antikommunistischen paramilitärischen Gruppe El Yunque (Der Amboss) zumindest sehr nahe. Das PNfV ist vor allem in den USA, Mexiko und Spanien – dort eng verschränkt mit dem Kampagnen-Netzwerk der CitizenGo Gruppe - aktiv, besonders stark engagiert war es (bisher zumindest unter Viktor Orbán) auch in Ungarn und zunehmend in weiteren Staaten Lateinamerika und Europas.
Kampf für das „Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tode“
Die Ziele des Netzwerks sind in „zehn Geboten“ festgeschrieben, sie werden in Webinaren und Konferenzen verbreitet. Der Hauptslogan lautet „Leben, Familie, Freiheit“. Vorrangig geht es darum, sexuelle und reproduktive Rechte zurückzudrängen, Anti-„Woke“- und Anti-Gender-Positionen zu stärken, den Kampf für das „Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tode“ zu führen. Das PNfV befördert als konkrete Maßnahmen die Umsetzung konservativer Politiken zur Stärkung der Ehe von Mann und Frau und deren Familien, zur Förderung von Mutterschaft und vor allem zur Erhöhung der Geburtenraten. Das bedeutet zugleich, Maßnahmen gegen Abtreibungen, Verhütung und umfassende Sexualerziehung zu stärken, und gegen Leihmutterschaften, gegen Euthanasie und auch gegen LGBTIQ+ Rechte vorzugehen. So fordert das PNfV Regierungen weltweit dazu auf, die 2020 von Ungarn, Uganda und anderen Staaten verfasste Genfer Konsens Erklärung (Geneva Consensus Declaration on Promoting Women’s Health and Strengthening the Family / GCD), zu unterzeichnen, die Abtreibungen verbieten und ein traditionelles Familienbild stärken will. Im Fall Argentiniens wurde der Einfluss des PNfV eindrücklich deutlich, wo das PNfV in den Wochen vor der Unterzeichnung der GCD im August 2026 diverse Treffen mit Ministern und auch einen Jugendgipfel in Buenos Aires organisierte.
Bei dem V Transatlantic Summit, der 2023 in New York erneut im UN-Hauptquartier stattfand und von der damaligen rechten Regierung Guatemala gesponsort wurde, versuchte das PNfV, die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte im Sinne von „Schutz des Lebens von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod“ und damit den Begriff der „Menschenrechte“ umzudeuten. Das PNfV sei bestrebt, eine „rückschrittliche und falsche Auslegung der Menschenrechte zu befördern und durchzusetzen, die tatsächlich diskriminierend ist und gegen eben jene Universalität der Menschenrechte verstößt, die in der Allgemeinen Erklärung verankert“ sei, erklärte Gillian Kane, die politische Beraterin und Referentin für Grundsatzfragen bei der US-amerikanische NGO IPAS, die sich für reproduktive Rechte und für globalen Zugang zu Gesundheitsversorgung einsetzt. Das PNfV verbuchte es als Erfolg, dass ein bei diesem Gipfel verabschiedetes New York Commitment später als offizielles UN Dokument (document number A/78/639) übernommen wurde.
Absage an Regularien für die Wirtschaft und gegen Hate Speech
Das PNfV versucht beständig, reproduktive und sexuelle Rechte, nachhaltige Entwicklungsziele (Social Development Goals) und Umwelt- und Klima-sensible Politiken zurückzudrängen und stattdessen Familien-, Glaubens- oder Fragen der wirtschaftlichen Deregulierung zu pushen. So auch beim VI Transatlantic Summit im Dezember 2024 im Madrider Senatsgebäude, wo das Madrid Commitment verabschiedet wurde , womit sich die Unterzeichnenden verpflichten, Druck auf ihre Regierungen zu machen, damit diese die Geneva Consensus Declaration unterzeichnen. Beim VI Transatlantic Summit löste der kroatische EU-Parlamentarier und Opus Dei-Mitglied Stephen Bartulica den scheidenden José Antonio Kast als PNfV Präsidenten ab; Valerie Huber, die Präsidentin des Institute for Women's Health aus den USA, begrüßte die Wahl Donald Trumps zum 47. US-Präsidenten. Bei diesem Gipfel beschwor der damalige argentinische Staatssekretär für Zivilisation und Glaubensfragen, Nahuel Sotelo, auch den Kampf gegen die Agenda 2030 der Vereinten Nationen zur Bekämpfung von Armut, Ungleichheit und Umweltzerstörung, den UN-Zukunftspakt und andere internationale Abkommen sowie gegen die Uno als solche und weitere internationale Institutionen. Hinter nachhaltigen Entwicklungszielen stünden teilweise verkappte Maßnahmen im Kulturkampf von links-feministischer Seite – und seien daher abzulehnen, so die mehrfach vorgebrachte Argumentation. In diesem Sinne hatte Argentinien im November 2024 als einziges Land bei der Uno und dem G20-Gipfel gegen eine Erklärung zur Geschlechtergleichstellung gestimmt.
Im Dezember 2025 organisierte das PNfV zusammen mit dem ecuadorianischen Büro der Konrad Adenauer Stiftung (KAS) und der Anti-Abtreibungs NGO „Dignidad y Derecho“ (Würde und Recht) eine Konferenz im Gebäude der Nationalversammlung Ecuadors in Quito “The Family as a Pillar of National Development”.
Außerdem will das Netzwerk Europas „jüdisch-christliche Wurzeln“ und die wirtschaftliche Freiheit verteidigen, ebenso wie die „Freiheit des Wortes“. Diese wurde bei dem VII Transatlantic Summit 2026 in Brüssel, der in Räumen des Europäischen Parlaments stattfand, instrumentalisierend in eine Gegenposition zu UN-Reglementierungen zu Hate Speech und gegen den Digital Services Act der EU in Stellung gebracht. Ein weiteres Ziel des PNfV besteht darin, dass der Staat den Anspruch auf die „freie Wahl der Bildung“ stärken und Eltern das Recht einräumen soll, die Bildung für ihre Kinder entsprechend ihrer moralischen, religiösen, philosophischen Vorlieben „zu wählen“. In der Umsetzung bedeutet das die Förderung privater Bildungseinrichtungen, die als Bollwerk gegen linke, „woke“, „kollektivistische“ oder „globalistische“ Einflüsse gelten.
Und woher kommt das Geld?
Das PNfV ist in den USA als gemeinnützige Organisation eingetragen, aber nicht von der Steuer befreit und daher nicht verpflichtet, Informationen zum Finanzstatus offenzulegen. Die US-amerikanische NGO Ipas, die sich für reproduktive Rechte und für globalen Zugang zu Gesundheitsversorgung einsetzt, untersuchte Verbindungen und Finanzen des PNfV. Dabei wurde deutlich, dass der Großteil der Finanzierung des Netzwerks von US-amerikanischen, mexikanischen, spanischen und ungarischen Organisationen stammt und dass die Regierung Viktor Orbáns ab 2019 Beträge von bis zu 450.000 USD an eine ungarische konservative Organisation zahlte, mit dem ausdrücklichen Auftrag, das PNfV zu fördern. Bedeutende Unterstützung kommt demnach von der Alliance Defending Freedom (ADF), von der in Madrid ansässigen CitizenGo Gruppe (mit HazteOir, finanziell unterstützt durch den russischen Oligarchen K. Malofeev) und dem mexikanischen Red de Acción Ética Política (Aktionsnetzwerk für politische Ethik), welche sich für Gesetze gegen die gleichgeschlechtliche Ehe und gegen Abtreibungen einsetzen.
Unter den Sponsoren des PNfV des „VII Transatlantic Summit“, der im Februar 2026 in Räumen des Europäischen Parlaments in Brüssel stattfand, waren auch die rechten EU-Parlaments-Fraktionen ECR (Europäische Konservative und Reformer mit ihrer Stiftung New Direction) und PfE (Patriots for Europe mit ihrer Stiftung PfE Foundation), die gleichzeitig als Gastgeber im EU Parlament fungierten. Darüberhinaus sponsorten erzkonservative oder rechtslibertäre private Thinktanks wie die Heritage Foundation, das Mises Institute Cono Sur, das ungarische Centre for Fundamental Rights, das auch die in Ungarn stattfindenden Events der Conservative Political Action Conference organisiert und eine Reihe von Organisationen, wie Family Watch International, Foundation for a Civic Hungary, Talenting Group, Red Familie, Tholos Foundation die rechte Konferenz.
Verbindungen in höchste politische Kreise
Das PNfV unterhält enge Verbindungen in höchste politische Kreise und stärkt seine Gefolgsleute bei ihrem Aufstieg in Führungspositionen. Der erste Vorsitzende nach der Gründung des PNfV war Jaime Mayor Oreja, ein dem Franquismus verbundener spanischer Politiker der konservativen Partido Popular. Bis 2022 war die frühere ungarische Ministerin und Parlamentsabgeordnete Katalin Novák Vorsitzende des PNfV. Sie gab diese Position auf, als sie Präsidentin von Ungarn wurde. Ihr folgte von 2022 bis 2024 der Gründer der Republikanischen Partei Chiles, José Antonio Kast, der 2024 wiederum von dem aktuellen Vorsitzenden, dem Kroaten Stephen Bartulica abgelöst wurde.
Bartulica steht für die politische Rechte Europas. Er hat seit 2024 als Abgeordneter der kroatischen Partei Domovinski Pokret (Homeland Movement – Heimatbewegung) einen Sitz im Europaparlament. Der in den USA geborene Kroate ist Mitglied des rechts-katholischen Opus Dei und sehr aktiv im Kampf gegen reproduktive Rechte. 2009 gründete er das Zentrum für die Erneuerung der Kultur (Centar za obnovu kulture – COK), “dessen Mission es ist, den ‚neuen Konservatismus’ zu fördern, das traditionelle Ehe- und Familienverständnis zu stärken und sich für Lebensschutz, d.h. gegen Abtreibung, einzusetzen”, so Jadranka Rebeka Anić (2021).
Für den Erfolg rechter Politik und auch des PNfV steht derzeit besonders der vorige Vorsitzende des Netzwerks, José Antonio Kast, der seit März 2026 der Präsident von Chile ist. Der Sohn eines 1950 nach Chile ausgewanderten früheren NSDAP-Mitglieds und Offiziers der deutschen Wehrmacht, verharmloste die Rolle seines Vaters im NS-Regime. Er ist stramm konservativer Katholik und Anhänger der Glaubensgemeinschaft der Schönstattbewegung, die ihren Hauptsitz in Deutschland hat und als international aufgestellte Institution auch religiöse Einrichtungen und Privatschulen in Chile unterhält. Kast ist Anhänger der Politik des Ex-Diktators Pinochet, Verfechter einer neoliberalen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung, einer strengen Sicherheits- und einer restriktiven Migrationspolitik, sowie Gegner des Rechts auf Abtreibung und der Rechte von LGBTIQ-Personen. Nachdem er bei den chilenischen Präsidentschaftswahlen 2021 noch gegen den Kandidaten der gemäßigten Linken, Gabriel Boric, unterlegen war, steht er inzwischen für den noch vor wenigen Jahren nicht vorstellbaren Aufstieg der extremen Rechten und des Revanchismus in Chile und Lateinamerika. Welche Bedeutung und Strahlkraft Kast neben dem rechts-libertären argentinischen Präsidenten Javier Milei über Lateinamerika hinaus hat, lässt sich auch daraus erahnen, dass führende Persönlichkeiten des PNfV wie Stephen Bartulica, Lola Velarde, Hermann Tertsch, Vayk Farkas zum Tag der Stichwahl am 14. Dezember 2025 eigens nach Santiago de Chile anreisten. Nach Kasts Wahlsieg gratulierten sie ihm, der PNfV-Vorsitzende Bartulica feierte seinen Vorgänger auf Social Media/X als „großen Patrioten“. In einer am gleichen Tag veröffentlichten Grußbotschaft lobt das PNfV Kast für seine Verdienste. Er habe das Netzwerk während seines zweijährigen Vorsitzes zu einem „hub für Synergien“ gemacht und Vernetzungen rund um eine „gemeinsame Agenda der Werte“ geknüpft, heißt es da.
Förderung von Nachwuchseliten
Ein zentrales Ziel der rechten Netzwerke ist die Förderung junger Führungspersonen. Politische Erfahrungen sollen weitervermittelt, Nachwuchseliten herausgebildet werden. Junge Polit-Aspirant:innen treffen bei den Konferenzen auf erfahrene Personen, zusätzlich organisiert das PNfV über mehrere Tage andauernde Trainingsprogramme für junge Nachwuchskräfte, sogenannte Bootcamps oder Youth Summits, die teils zusammen mit Parteien oder Thinktanks organisiert werden. Besonders stellt das PNfV auf seiner Website ein von Toño Kast Adriasola. dem Sohn von José Antonio Kast, in Chile organisiertes Bootcamp heraus.
Ein sehr anschauliches Beispiel erfolgreicher politischer Kampagnen von rechts präsentierte José Antonio Kast selbst. 2022 hatte die politische Rechte in Chile mit einer von Hetze und Desinformation geprägten Kampagne erreicht, dass die Bevölkerung den fortschrittlichen Verfassungsentwurf ablehnte, der die Verfassung aus der Zeit der Diktatur ablösen sollte. Im Juli 2023 stellte Kast diese Kampagne jungen Nachwuchskräften in Schulungsgruppen und Trainings bei der Summer Academy der ECR Stiftung New Direction in Zagreb, Kroatien, als erfolgreiche rechte Strategie vor. Anschließend trafen sich Kast und Velarde in Kroatien und Italien mit Abgeordneten, u.a. Lorenzo Fontana von der italienischen Lega, um das PNfV vorzustellen.
An dem Jugendprogramm im Rahmen des VII Transatlantic Summit 2026 im Brüsseler EU Parlament nahmen 40 Junge Menschen aus 20 Ländern teil. Nach ihren abschließenden Kurzvorträgen ließen sich Kast, Bartulica, und auch der polnische ECR Präsident Mateusz Morawiecki und die ungarische Fidesz Politikerin Kinga Gál stolz mit dem jungen Nachwuchs fotografieren. Das PNfV scheint auf einem bisherigen Höhepunkt des Erfolgs angekommen zu sein.
Redaktion: Ulli Jentsch