Bolsonaros Flucht: Milei, Trump und Geheimdienste im Dienste der extremen Rechten

Verfasst von: Robert Grosse

Flávio Bolsonaros Flucht aus Brasilien in die USA, drei Tage nach seiner Niederlage gegen Lula da Silva in der Stichwahl um die Präsidentschaft, wirft Fragen hinsichtlich der Bündnisse der extremen Rechten auf: Führen ihre politischen Beziehungen zu einer staatlichen Zusammenarbeit, mit deren Hilfe gerichtliche Entscheidungen umgangen werden? Dem Senator Flávio Bolsonaro und Sohn des ehemaligen Präsidenten Jair Bolsonaro, war es auf Anordnung des Richters Alexandre de Moraes vom Obersten Bundesgericht (STF) im Rahmen strafrechtlicher Ermittlungen wegen mutmaßlicher Geldwäsche untersagt, Brasilien zu verlassen. Am 26. Oktober wurde ihm die Anordnung zugestellt, seine brasilianischen Reisepässe – den gewöhnlichen und den diplomatischen – sowie alle ausländischen Dokumente, einschließlich der italienischen, abzugeben. Bolsonaro händigte keines davon aus. Seine brasilianischen Reisepässe wurden für ungültig erklärt.

Am Abend des 27. Oktober überquerte Flávio zusammen mit seiner Frau Fernanda und seinen Töchtern Carolina und Luiza die Tancredo-Neves-Brücke zwischen Foz do Iguaçu (Brasilien) und Puerto Iguazú (Argentinien) in der Provinz Misiones im Norden von Argentinien. Die Einwanderungsbehörde registrierte seine Einreise um 22:50 Uhr. Kurz darauf bestieg die Familie ein Flugzeug vom Typ Gulfstream G400 der Fluggesellschaft Baires Fly mit dem Kennzeichen LV-JQW, das bereits seit dem Vorabend bereitstand. Um 0:21 Uhr startete das Flugzeug in Richtung Miami mit einem Zwischenstopp in Guayaquil, Ecuador. Es gibt keine öffentlich zugänglichen Hinweise auf eine Beteiligung der ecuadorianischen Regierung an der Genehmigung des Fluges oder am Flugbetrieb im Allgemeinen.

Die von der argentinischen Zeitung La Nación veröffentlichte Passagierliste führt Flávio mit einem italienischen Reisepass auf; die brasilianische Folha de S.Paulo berichtet, dass er diesen auch bei der Einreise nach Argentinien vorgelegt habe, während seine Familie brasilianische Reisepässe verwendet habe. Die zweite Staatsangehörigkeit hob das gerichtliche Ausreiseverbot nicht auf. Laut derselben Quelle reiste Bolsonaro mit seinem brasilianischen Diplomatenpass, der bereits von der Bundespolizei für ungültig erklärt worden war, in die USA ein. Buenos Aires entgegnet, dass weder ein internationaler Haftbefehl noch eine sogennante Red Notice von Interpol vorlag.

Santiago Caputo: das informelle Machtzentrum vor Ort

Die Schlüsselfigur im Zentrum dieser Operation ist Santiago Caputo, Javier Mileis Stratege und Präsidialberater ohne Ministerrang. Caputo hat unter anderem politischen Einfluss auf den Geheimdienst SIDE, eine Behörde, die die Geheimdienste der verschiedenen Streitkräfte koordiniert und während der letzten Diktatur auch an Entführungen und dem Verschwinden von Personen beteiligt war. Ein Polizeiprotokoll der Provinz Misiones lokalisiert Santiago Caputo um 2:50 Uhr in jener Nacht in Capioví an der Ruta 12 in einem Toyota Hiace des paraguayisch-argentinischen Unternehmens Yacyretá, das für den Bau und den Betrieb des riesigen Wasserkraftwerks Yacyretá am Fluss Paraná verantwortlich ist. Seine Anwesenheit in der Provinz Misiones ist dokumentiert, beweist jedoch für sich genommen nicht, dass Caputo die Flucht geleitet hat.

Raúl Kollmann berichtete in Página/12, dass ein SIDE-Agent, der zuvor mit der US-Botschaft in Verbindung stand, die Zusammenarbeit mit der Flughafenpolizei (PSA), dem brasilianischen Sicherheitsdienst und US-amerikanischen Kontakten koordiniert haben soll. Diese Behauptungen müssen noch gerichtlich bestätigt werden.

Washington: zwischen politischer Unterstützung und staatlicher Operation

Bolsonaros Ziel war Washington, und laut US-amerikanischen Ermittlungen gab es politische Vermittler: Jason Miller, ein Donald Trump nahestehender Berater, war an den Vorbereitungen für den Flug beteiligt; Trump genehmigte die Einreise der Familie aus humanitären Gründen. Außenminister Marco Rubio bestritt eine direkte operative Beteiligung. Página/12 behauptet, Trump habe Milei um Unterstützung gebeten, doch es gibt keine unabhängige öffentliche Bestätigung für eine direkte Anfrage des Präsidenten.

Die Ereignisse erhalten eine weitere Dimension durch die Umgestaltung des Geheimdienstes SIDE, der 2015 während der Amtszeit von Cristina Fernández de Kirchner aufgelöst worden war. Milei rief SIDE 2024 wieder ins Leben, erweiterte seine Befugnisse durch das Dekret DNU 941/2025 und stockte dessen Budget für 2026 um fast 80 Millionen US-Dollar auf, darunter auch zweckgebundene Mittel, deren Verwendungszweck nicht öffentlich bekannt ist. Die argentinische Menschenrechtsorganisation CELS warnt vor den Risiken interner Spionage und einer Schwächung der Kontrollmechanismen. Es muss noch untersucht werden, ob zweckgebundene Mittel zur Finanzierung des Fluges oder anderer Aktivitäten im Zusammenhang mit der Flucht von Flávio Bolsonaro in die USA verwendet wurden.

Der „Plan Guaçurarí“: Der Widerspruch an der Grenze

Im Mai 2025 startete Patricia Bullrich, die damalige Sicherheitsministerin, den „Plan Guaçurarí“, der durch den Ministerialerlass 626/2025 geregelt wurde. Ziel war eine polizeiliche und migrationsbezogene Zusammenarbeit, unter anderem mit Brasilien, um die grenzüberschreitende organisierte Kriminalität zu bekämpfen. Der Plan umfasst die Gendarmerie, die Bundespolizei, die Präfektur und die Flughafenpolizei PSA unter Beteiligung der Einwanderungs- und Zollbehörden. Sein Hauptaktionsgebiet ist Bernardo de Irigoyen, nicht Puerto Iguazú, und es gibt keine Hinweise darauf, dass seine Einsatzkräfte bei der Ausreise von Flávio Bolsonaro tätig waren.

Doch wie Luciana Bertoia in Página/12 hervorhob, stellt sich die Frage, warum die Mechanismen der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit es nicht ermöglichten, auf die Einreise eines Politikers, gegen den die brasilianische Justiz ermittelt, hinzuweisen oder darüber aufzuklären.

Parlamentarische und gerichtliche Ermittlungen gegen die SIDE

Die Abgeordneten Agustín Rossi, Rodolfo Tailhade und Ramiro Gutiérrez forderten den parlamentarischen Ausschuss zur Kontrolle der Geheimdienste und von deren Aktivitäten auf, Cristian Auguadra, den Leiter der SIDE, vorzuladen, um eventuelle Kontakte zu ausländischen Behörden aufzuklären.

Die Bundesrichterin María Eugenia Capuchetti ordnete auf Betreiben der Staatsanwältin Paloma Ochoa vorläufige Maßnahmen an, um Bildmaterial vom Grenzübergang und vom Flughafen zu sichern und Berichte von verschiedenen Behörden anzufordern. In Misiones wies Staatsanwalt Fabián Martínez die Anzeigen wegen Verstößen gegen das Einwanderungsrecht zurück und verwies auf die möglichen Straftaten im Zusammenhang mit der staatlichen Intervention an die Gerichte in Buenos Aires. Die Opposition beantragte zudem Anhörungen von Minister:innen.

Diego Santilli, Kabinettschef von Milei und ehemaliger Funktionär der neoliberalen Partei Propuesta Republicana (PRO) von Mauricio Macri, verteidigte die Rechtmäßigkeit der Einreise. Brasilien bestellte die argentinische Geschäftsträgerin María Emilia Cortés ein, vermied es jedoch, den Konflikt öffentlich zu eskalieren; der argentinische Außenminister Pablo Quirno bestritt, dass eine formelle Aufforderung zur Stellungnahme vorliege.

Die internationale Vernetzung der extremen Rechten: ein gegenseitiges Schutznetzwerk?

Es geht nicht darum, ob Argentinien Bolsonaro ohne Weiteres hätte festnehmen können, sondern darum, ob staatliche Amtsträger und Behörden vorsätzlich dazu beigetragen haben, eine brasilianische Gerichtsentscheidung zu umgehen. Die Ermittlungen müssen klären, wer dafür die Verantwortung trägt und ob dabei rechtliche Grenzen überschritten wurden.

Der Vorfall lässt eine weitreichendere politische Hypothese zu: Die internationalen Netzwerke, die die extreme Rechte über Jahre hinweg aufgebaut hat, um Wahlen zu bestreiten, Unterstützung zu mobilisieren, die öffentliche Meinung zu beeinflussen und demokratische Institutionen herauszufordern, können auch als Mechanismen des gegenseitigen Schutzes vor der Justiz fungieren. Persönliche Beziehungen, politische Akteure und internationale Koordinationskanäle erhalten eine neue Dimension, wenn ihre Protagonist:innen Zugang zu staatlicher Macht, zu Geheimdiensten und zu öffentlichen Ressourcen erhalten.

Bolsonaros Flucht wirft somit eine Frage auf, die über die Grenzen Brasiliens und Argentiniens hinausgeht: Inwieweit können transnationale politische Allianzen zu Strukturen der gegenseitigen Unterstützung zwischen extrem rechten Regierungen werden, selbst wenn sie im Widerspruch zu rechtlichen Verpflichtungen und demokratischen Kontrollmechanismen stehen?


Redaktion & Übersetzung: Ute Löhning

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