Veröffentlichung
3. November 2026
Trotz allem: Seit 40 Jahren feministisches Treffen in Argentinien
Verfasst von: Gabriela Mitidieri
Wie jedes Jahr seit 1986 gelang es der argentinischen feministischen Bewegung auch 2026, ein neues „Plurinationales Treffen von Frauen, Lesben, Travestis, trans und nonbinären Personen“ zu organisieren, das dieses Jahr im Oktober in Córdoba, der Hauptstadt der gleichnamigen Provinz, stattfand. Diese Veranstaltung ist wohl weltweit einzigartig: Jedes Jahr versammeln sich an wechselnden Orten Hunderttausende von Frauen und Queers, um drei Tage lang politische Gespräche in thematischen Workshops zu führen, an Massenkundgebungen teilzunehmen, Buchmessen zu besuchen, Gewerkschaftsversammlungen abzuhalten und auch Feste zu feiern.
In diesem Jahr gab es zudem eine Besonderheit: Am 9. Oktober, einen Tag vor dem offiziellen Beginn des Treffens, organisierten verschiedene zivilgesellschaftliche Organisationen, feministische Kollektive, Hacktivist*innen und digitale Genossenschaften aus dem ganzen Land den „Tag Null – Feministisches Techno-Trans-Labyrinth“ an der Fakultät für Mathematik, Astronomie, Physik und Informatik (FAMAF) der Nationalen Universität Córdoba. Die Veranstaltung wurde vom Argentinien-Büro der Heinrich-Böll-Stiftung geleitet, unter Beteiligung von Hacktivismus-Kollektiven, Freie-Software-Gruppen, Digital-Expert*innen, OSINT-Spezialist*innen für Recherche in offenen Quellen sowie Community-Medien aus Buenos Aires, Rosario, Chubut, Mendoza, Córdoba und Tucumán. Im Laufe des Tages nahmen rund 150 Personen an 17 Workshops, Messen, kulturellen und Freizeitaktivitäten sowie einer Abschlussversammlung teil.
Das Ziel des „Laberinto“ war es, aus feministischer Perspektive Fragen und Diskussionen anzustoßen: Reflexionen zu Nutzungsformen und Wissen im Zusammenhang zu digitalen Technologien, Internetinfrastruktur, Plattformökonomie und politischer Einflussnahme in sozialen Netzwerken; über die Ausbeutung, die diese Technologie mit sich bringt; über den Widerstand, den wir gemeinsam leisten können; über die Allianzen zwischen der extremen Rechten und den Big Techs; sowie über mögliche Konzepte digitaler Souveränität.
Als CELS haben wir an den vorbereitenden Organisationstreffen teilgenomen und drei Workshops koordiniert: KI, Daten und Souveränität: technofeministische Neuausrichtung; Kollaborative Informationsplattformen / Vorstellung von Ancora.Red: eine Plattform zur Recherche über die Mächtigen, Informationsaustausch und zur Vernetzung von Kämpfen; sowie über ein Manifest gegen Überwachung, eine mögliche Antwort auf das Palantir-Manifest.
In einem besonders interessanten Vortrag stellte Joana Varon von Coding Rights das Projekt „Karten des Internets“ vor, das die ungleichen geopolitischen Beziehungen sichtbar machen soll, die die materiellen Strukturen der Wirtschaft hinter dem Internet ausmachen: Dabei geht es um Rohstoffabbau, Prekarisierung der digitalen Arbeit, Gebiete, die als Hardware-Müllhalden fungieren.
All diese Gespräche wurden später im Rahmen des Plurinationalen Treffens in dem speziellen Workshop „Technopolitik und Cyberaktivismus“ wieder aufgenommen, der aus feministischer Perspektive eine ganzheitliche digitale Bildung für Kinder, den Einsatz von KI in politischen Kampagnen, die Regulierung digitaler Plattformen sowie Gewalt in sozialen Netzwerken thematisierte. Diese Fragen kamen auch im antifaschistischen Workshop zur Sprache, der bereits zum vierten Mal in Folge stattfand. Angesichts der politischen Grausamkeit der extremen Rechten in unserem Land erwiesen sich die Reflektionen aus den einzelnen Workshops, die Demo, Partys und Konzerte als Gegenmittel der Solidarität und des Zusammenhalts.
Redaktion & Übersetzung: Ute Löhning