Spaltpilz Südtirol – wo deutsch- und italienisch-nationale Kräfte sich streiten

Verfasst von: Lucius Teidelbaum

Über die Frage der Zugehörigkeit der nord-italienischen Region Südtirol (italienisch Alto Adige) kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen der extremen Rechten in Deutschland und Österreich einerseits und in Italien andererseits.

AfD/GD für Südtirol

Der dominante Deutschnationalismus in der AfD führt zu Kontakten zu extrem rechten Parteien aus Südtirol. So fand am 23. September 2026 in Berlin eine Veranstaltung zum Thema „Südtirol – 80 Jahre Paris Vertrag“ mit Dr. Otto Mahlknecht von der extrem rechten Regionalpartei Die Freiheitlichen in Südtirol statt. Die Veranstaltung sorgte bei der rechten Regierung in Italien für Unmut. Der italienische Außenminister Antonio Tajani (Forza Italia) zürnte laut dem Hamburger Abendblatt: „Die AfD unterstützt und fördert die Abspaltung Südtirols von Italien. Das ist ein äußerst schwerwiegender Vorgang, und wir werden klären, wie so etwas innerhalb des Deutschen Bundestages möglich sein kann. Dies bestätigt einmal mehr, dass die Alternative für Deutschland eine italienfeindliche Partei und der schlimmste Feind unseres Landes ist“.

Schon vor Jahren gab es punktuelle Kontakte. So fand bereits im Februar 2023 im Landtag in Stuttgart der Neujahresempfang der AfD-Landtagsfraktion zum Thema „Die EU – eine Gefahr für den Föderalismus“ statt. Redner waren neben Dr. Maximilian Krah (AfD-MdEP) und Gunnar Beck (AfD-MdEP) auch Jürgen Wirth Anderlan, der mit seiner eigenen extrem rechten Liste im Landtag von Südtirol vertreten ist. Er referierte zum Thema „Die Südtiroler Lösung für Europa“.

Inzwischen scheint sich auch auf der Ebene der Jugendorganisationen ein Austausch zu intensivieren. Beim „Youth Reception” der Europe of Sovereign Nations (ESN) in Magdeburg im August 2026 sprach Melanie Mair als Jugendsprecherin der Süd-Tiroler Freiheit. Die ESN-Veranstaltung war eine Art Vor-Veranstaltung für den 2. Bundeskongress der Generation Deutschland (GD), der am Folgetag ebenfalls in Magdeburg stattfand. Maier hatte auch das Sommerfest des neurechten Antaios-Verlags in Schnellroda (Sachsen-Anhalt) besucht, und war dadurch in Südtirol in Kritik geraten.

Im Gegenzug besuchte am 12. September 2026 eine Delegation der Generation Deutschland das Landesjugendtreffen der Süd-Tiroler Freiheit in Tramin. Als Gastredner trat Jean-Pascal Hohm (AfD-MdL Brandenburg, GD-Bundessprecher) auf. Laut einem Bericht in dem extrem rechten Magazin InfoDirekt aus Österreich nahmen auch weitere Vertreter der GD und Mitglieder der Freiheitlichen Jugend Tirol und der Freiheitlichen Jugend Oberösterreich teil.

Die „Südtirol-Frage“

Die „Südtirol-Frage“ steht damit stellvertretend für Grenzkonflikte bzw. Territorialansprüche und Minderheiten-Fragen, welche eine wichtige Spaltungslinie der extremen Rechten ist. Trotz aller Beschwörungen eines (weißen) Europas oder eines (christlichen) Abendlandes sind die einzelnen ultranationalistischen Parteien und Bewegungen sehr anfällig für diese alten Konflikte. Alte nationalistische Konflikte um Grenzverläufe und Minderheiten der eigenen Titularnation in Nachbarländern können schnell zu Spaltlinien werden. So verhinderte die Südtirol-Frage, dass sich die italienischen Neofaschisten von der Partei Movimento Social Italiano (MSI) nach der EU-Parlamentswahl 1989 einer gemeinsamen Technischen Fraktion der europäischen Rechten anschlossen.

Südtirol bzw. Alto Adige ist eine Provinz in Nord-Italien. Sie ist seit über 100 Jahren Teil Italiens. Davor war sie Teil von Österreich-Ungarn. Trotz der mehrheitlich deutschsprachigen Bevölkerung kam Südtirol infolge der Kriegsniederlage von Österreich-Ungarn 1919 zu Italien. Unter Mussolini war die Bevölkerung massiven Italienisierungs-Bemühungen ausgesetzt. Infolge des Bündnisses zwischen Nazi-Deutschland und dem faschistischen Italien sollten die deutschsprachigen Südtiroler*innen „heim ins Reich“ umgesiedelt werden, wofür auch eine Mehrheit optierte. Es gibt es in der Alpen-Provinz es drei Sprachgruppen: Deutschsprachige, Italienischsprachige und Sprecher*innen des Ladinischen, einer kleinen rätoromanischen Sprache.

Nach einem Konflikt in Südtirol, der auch über Bombenanschläge von Seiten der Separatist*innen und Polizei-Repression von Seiten des Staates bis in die 1980er Jahre ausgetragen wurde. Dabei mischten Deutschnationale und Neonazis aus Österreich und Westdeutschland auch kräftig in dem lokalen Konflikt mit. Die damalige Unterstützer-Szene rekrutierte sich aus deutschnationalen Burschenschafter in Deutschland.

Heute genießt Südtirol eine weitreichende Autonomie. Österreich erhielt eine Rolle als Schutzmacht zugewiesen.

Im deutschnationalen Weltbild gehört aber weiter Südtirol zu Österreich bzw. Deutschland. Da ein 'Großdeutschland' vom „Etsch bis an den Belt“ derzeit keine Option ist. Während andere Gebiete deutschsprachiger Minderheiten wie das Alsace / Elsaß in Frankreich oder das Oppelner Schlesien in Polen kaum noch mit der Idee einer Grenzrevision verbunden wird, ist das bei Südtirol anders.

Im kleinen Südtirol existieren rechts von der konservativen Südtiroler Volkspartei (SVP) mehrere extrem rechte Parteien, die sich um die Stimmen der Deutsch- und Ladinisch-sprachigen Südtiroler*innen bewerben:

  • Die Freiheitlichen, 1992 gegründet, galt als FPÖ-Ableger in Südtirol, kooperierten teilweise mit der Lega Nord
  • Süd-Tiroler Freiheit, 2007 gegründet, seit 2009 Mitglied der EU-Partei Europäische Freie Allianz (EFA), in der sich regionale und ethnische Minderheiten organisieren
  • Liste JWA (Jürgen Wirth Anderlan), 2023 gegründet, benannt nach ihrem Spitzenkandidaten, einen ehemaligen Landeskommandanten des Südtiroler Schützenbundes

Daneben besteht in Südtirol sowohl eine deutschsprachige Neonazi- als auch eine italienische neofaschistische Subkultur. So stammen z.B. zwei Mitglieder der im gesamten deutschsprachigen Raum beliebten Oi-Band Frei.Wild aus Brixen in Südtirol aus der Neonazi-Band Kaiserjäger. Auch in den Texten und Musik-Videos von „Frei.Wild“ finden sich immer wieder Versatzstücke Anspielungen auf den Südtirol-Separatismus auf. So heißt es in dem Stück „Südtirol Heimatland” heißt es: „Südtirol, wir tragen deine Fahne, / denn du bist das schönste Land der Welt, / Südtirol, sind stolze Söhne von dir, / unser Heimatland, wir geben dich niemehr her. / Südtirol, deinen Brüdern entrissen, / schreit es hinaus, daß es alle wissen, / Südtirol, du bist noch nicht verlorn, / in der Hölle sollen deine Feinde schmorn.“

Oder im offiziellen Video zu „Wahre Werte” wird Sepp Kerschbaumer (1913-1964), Leiter der separatistisch-terroristischen Organisation Befreiungsausschuss Südtirol, gehuldigt.

Im Jahr 2008 sollte Frei.Wild bei der „Freiheitlichen Rocknacht“, einem Konzert der Freiheitlichen Jugend, Jugendorganisation von Die Freiheitlichen, auftreten, sagte dann aber ab. Kein Zufall, der Band-Sänger Philipp Burger war Mitglied der Partei. Dazu veröffentlichte er 2007 folgenden Kommentar: „Was die Mitgliedschaft bei den Freiheitlichen betrifft: Ich bin aus der Partei wieder ausgetreten und habe auch das Amt niedergelegt, aber nicht etwa deswegen, weil ich Schuldgefühle habe oder mit dem Parteiprogramm nicht einverstanden wäre, soviel ist sicher, sondern weil ich, vor allem nach der Aussprache mit der Crew, eingesehen habe, dass es etwas zwiespältig ist, Parteimitglied zu sein und gleichzeitig Distanz vor der gesamten Politik zu nehmen, da gebe ich euch recht und habe meine Konsequenzen gezogen.”


Redaktion: Ulli Jentsch

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