Trügerische Harmonie – Javier Milei in Paris

Verfasst von: Susanne Brust

Wenn es nach Argentiniens Präsident Milei geht, so war sein Besuch in Paris vom 30. September bis 2. Oktober ein voller Erfolg. In Begleitung von sechs Ministern und einem Dutzend Provinzgouverneuren sowie Unternehmenschefs besuchte er das Investitionsforum Argentina Week und traf sich zu einem Gespräch mit Frankreichs Präsident Emmanuele Macron. Mit dem Besuch erhoffte sich Mileis Regierung insbesondere französische Investitionen in den argentinischen Rohstoffsektor. 

Argentiniens Präsident stellte sein Land auf der Argentina Week als Quelle „reichlich vorhandener Energie“ und kritischer Mineralien dar und verteidigte gleichzeitig seine Wirtschaftspolitik. Würde jetzt investiert werden, so könne 2028 laut Milei „das beste Jahr der Geschichte“ werden, sollte er 2027 wiedergewählt werden.

Tatsächlich kehrt Milei mit vollen Taschen nach Argentinien zurück. Der französische Energiekonzern TotalEnergies kündigte beispielsweise Investitionen von knapp zehn Milliarden US-Dollar in die Öl- und Gasproduktion in Vaca Muerta und in die Offshore-Gasförderung im argentinischen Feuerland an. Diese und weitere nun angekündigte Großinvestitionen ermöglicht das Régimen de Incentivo para Grandes Inversiones (RIGI), das Mileis Regierung im Rahmen des "Ley Bases"-Gesetzespakets eingeführt hatte, durch Steuererleichterungen und weitere Vorteile für ausländische Unternehmen.

Doch all die makroökonomischen Errungenschaften, die Milei in seiner Rede vor französischen Investoren feierte, haben auch ihre Schattenseiten. Laut Schätzungen des argentinischen Statistik- und Zensusinstituts INDEC ist die allgemeine wirtschaftliche Aktivität des Landes seit Juli 2025 um 1,4 Prozent zurückgegangen. Zum ersten Mal seit zwei Jahren stieg die Armutsrate in Argentinien im ersten Halbjahr 2026 wieder an, die Arbeitslosenquote hat mit 7,9 Prozent im zweiten Quartal 2026 den Höchststand seit 2021 erreicht. Vielerorts sind seit Mileis Amtsantritt zehntausende Jobs verloren gegangen, vor allem solche von jungen Menschen. Auch wegen dieser drastischen sozialen Folgen seiner Wirtschaftspolitik liegen die Umfragewerte für Milei in Argentinien im Keller: 58 der Befragten in einer aktuellen Umfrage sehen den argentinischen Präsidenten in schlechtem Licht.

Französische Milei-Fans 

Aber auch in Frankreich hat Milei seine Fans: Etwa 50 von ihnen versammelten sich am Ort der Eröffnung der Argentina Week, darunter Vadim Asadov, Vorsitzender der französischen Parti Libertarien (PLIB), die etwa 1.000 Mitglieder zählt. Auch der Autor des Buchs „La Révolution Milei. L'avènement d'un nouveau libéralisme“ (Die Milei-Revolution. Der Aufstieg eines neuen Liberalismus), Michael Miguères, war vor Ort. “He is more than a model for France, he is almost a mirage, a kind of distant hope of what could happen,” sagte Romain Dominati von Les Mileïstes Français (Die französischen Mileisten), der mit einer Kettensäge in den Farben der argentinischen Flagge in der Hand an der Versammlung teilnahm. Doch leider sei den Französ*innen nicht bewusst, „dass Frankreich eine Kur à la Milei braucht“, so der Anhänger des selbsterklärten Anarchokapitalisten.

Skeptischer ist da Philippe Aghion, Alfred-Nobel-Gedächtnispreisträger für Wirtschaftswissenschaften. Aghion erhielt am 2. Oktober ebenso wie Milei einen Preis des Pariser Wirtschaftsforums, die beiden trafen sich auch zu einem Gespräch. Aghion hatte Mileis Reformen zwar Anfang dieses Jahres gelobt, die Kettensägenkur könne aber nicht so einfach auf Frankreich angewandt werden, so der Wirtschaftswissenschaftler. Es gäbe zwar Probleme mit der Staatsverschuldung, aber Frankreich sei in einer ganz anderen Situation als Argentinien. Weitreichende Kürzungen wie unter Milei sah er kritisch, insbesondere in den Bereichen Bildung und Gesundheit. 

Proteste gegen die „Fascho-Woche“

Mit harscher Kritik wurde der argentinische Präsident in Paris von anderen Protestierenden begrüßt: Reporter ohne Grenzen machte auf die kritische Situation der Pressefreiheit in Argentinien aufmerksam, das Colectivo Argentina en Lucha París, ein Bündnis in Frankreich lebender Argentinier*innen und Teil des internationalen Netzwerks Argentina No Se Vende, hielt am 2. Oktober eine Protestkundgebung auf der Place de la République ab und forderte „Weg mit der Fascho-Woche!“.

Das Bündnis kritisiert neben Mileis extraktivistischer Politik mit erheblichen sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Folgen auch die Komplizenschaft der französischen Regierung. Macron und seine Regierung würden in ihrem „Eifer, französischen Kapitalanlegern den Zugang zu Geschäften in Argentinien zu erleichtern, einer extrem rechten Regierung die Hand reichen. Diese Komplizenschaft ist vor dem Hintergrund des extrem rechten Vormarsches in Frankreich und Europa umso schwerwiegender.“ Vor dem Eiffelturm versammelten sich bereits am 30. September 150 Protestierende von der Asamblea de Ciudadanos Argentinos, um auf die Gefahren von Mileis Wirtschaftspolitik aufmerksam zu machen.

Eklat um Milei-Vertrauten Santiago Muzio und die Casa Argentina

Schon vor dem Besuch hatte Mileis Regierung in Paris negative Schlagzeilen gemacht. So trat Santiago Muzio, der Leiter der Casa Argentina der Cité Internationale Universitaire, auf heftigen öffentlichen Druck hin zurück. 

Die Cité Internationale Universitaire in Paris verfügt über 50 Unterkünfte und Kulturstätten für etwa 12.000 Studierende, Forschende und Kunstschaffende aus der ganzen Welt. Muzio war 2024 von der argentinischen Regierung zum Leiter der Casa Argentina ernannt worden. Bewohner*innen hatten im vergangenen Jahr über eine „Mini-Diktatur“ in der Residenz geklagt, sie hätten in „ständiger Angst“ gelebt und es hätte keine Meinungsfreiheit gegeben. Muzio soll unliebsame Studierende des Hauses verwiesen, die Entfernung einer Gedenktafel zur Erinnerung an die während der argentinischen Diktatur Verschwundenen angeordnet und extrem rechte Treffen im Haus organisiert haben. Außerdem hatte er sich geweigert, die Wertecharta der Cité Universitaire zu unterzeichnen. Diese legt die Grundsätze der Gleichbehandlung und der Nichtdiskriminierung unter anderem aufgrund des Geschlechts und der sexuellen Orientierung fest. Mit der Nichtunterzeichnung folge Muzio laut eigener Aussage der Linie der argentinischen Regierung, „die die Existenz zweier Geschlechter anerkennt: männlich und weiblich“. 

Der Fall hatte in argentinischen und französischen Zeitungen Schlagzeilen gemacht. Mitte September bestätigte das argentinische Ministerium für Humankapital Muzios Rücktritt, nachdem Pariser Behörden den französischen Innenminister Jean-Noël Barrot darum gebeten hatten, den Fall zu untersuchen. Barrot erklärte danach, man sei im Gespräch mit den zuständigen argentinischen Stellen. Auf Presseanfragen reagierte Muzio selbst zunächst nicht. In der konservativen französischen Zeitung Le Journal du Dimanche jedoch berichtete er kurz vor seinem Rücktritt, sein Projekt hätte darin bestanden, „diesen Ort [die Casa Argentina] aus den Fängen der extremen Linken und der ‚Woke‘-Ideologie zu befreien.“

Muzio ist in der extremen Rechten gut vernetzt und nahm an den CPAC-Konferenzen in Ungarn 2025 und 2026 teil. Als ehemaliger Leiter der Madrider Niederlassung von Marion Maréchals privater Hochschule ISSEP schafft er nicht nur eine Brücke zwischen der europäischen und der lateinamerikanischen extremen Rechten, sondern gilt neben dem Schriftsteller Agustín Laje auch als Vertrauter von Javier Milei.


Redaktion: Ute Löhning

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