Veröffentlichung
7. June 2026
Deutschnationale Verbindungen zwischen Chile und der Bundesrepublik
Verfasst von: Lucius Teidelbaum
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Jorge Sandrock, der neu ernannte Botschafter der rechten Regierung Chiles in Deutschland, ist nicht nur Angehöriger der deutschstämmigen Minderheit des Landes, sondern auch Burschenschafter. Die Burschenschaften in Deutschland und Österreich sowie in Chile pflegen einen engen Austausch, wodurch die chilenischen Burschenschaften eine Anbindung an die extreme Rechte in Europa erhalten. Ein bisher nur wenig beachteter Teil des internationalen Netzwerks der extremen Rechten.
Ein Botschafter mit Verbindungen in die extreme Rechte
Der „Condor“, die Wochenzeitung der deutschsprachigen Minderheit in Chile, berichtete am 16. Mai 2026, dass der Rechtsanwalt und Dozent für Verfassungsrecht an der Juristischen Fakultät der Universidad Adolfo Ibañez, Jorge Sandrock, vom rechten Präsidenten José Antonio Kast zum neuen Botschafter Chiles in Berlin ernannt wurde. In dem Artikel wird auch die Mitgliedschaft von Sandrock in der Burschenschaft Araucania Santiago erwähnt und dass er bislang Projektleiter der CSU-nahen Hanns-Seidel-Stiftung (HSS) in Chile war. Insgesamt war Sandrock seit 2000 für die HSS in Lateinamerika tätig, zuletzt als Leiter des Regionalprojekts Lateinamerika der Stiftung.
Was nicht erwähnt wird ist, dass Sandrock zumindest früher auch Mitglied der Burschenschaft Normannia zu Heidelberg war. Diese sorgte mit einem antisemitischen Übergriff 2020 bundesweit für Schlagzeilen. In der Nacht vom 28. auf den 29. August 2020 fand in dem Haus der Burschenschaft Normannia zu Heidelberg ein antisemitischer Angriff auf ein jüdischstämmiges Mitglied der Alten Leipziger Landsmannschaft Afrania statt. Die Antifaschistische Initiative Heidelberg berichtete in einer Pressemitteilung: „Das Opfer sei von den anderen Verbindungsstudenten als Jude beschimpft, mit Geldmünzen beworfen und mit Gürteln verprügelt worden. An dem Angriff seien neben Aktiven Studenten der Normannia auch Mitglieder der Burschenschaften ‚Ghibellinia zu Prag in Saarbrücken’ und ‘Germania Köln’ beteiligt gewesen.“
Es folgten Prozesse, Verurteilungen und weitere Reaktionen. Die Burschenschaft Normannia zu Heidelberg löste am 3. September 2020 ihre Aktivitas, die Gruppe der studierenden Verbindungsbrüder, auf und viele Alte Herren verließen die Burschenschaft. Ob Sandrock auch dazu gehörte oder weiterhin Mitglied ist, ist unbekannt. Die Normannia, die 2023 und 2024 kurzzeitig als Burschenschaft Cimbria Heidelberg firmierte, verließ im Jahr 2023 den extrem rechten Dachverband „Deutsche Burschenschaft“ (DB). Offenbar in der Hoffnung, ohne Dachverband und mit neuem Namen den Skandal hinter sich zu lassen.
Deutsche Burschenschaften in Chile
Sandrock hat an der Pontificia Universidad Católica de Chile (Päpstlich-Katholische Universität Chiles) und Ende der 1990er Jahre in Deutschland an der Universität Heidelberg studiert und hier einen Master of Laws erworben. Im Jahr 1994 wurde er Mitglied der Burschenschaft Normannia. (1) In der internen Bundeszeitung der Normannia aus dem Wintersemester 1995/96 findet sich ein Text von ihm, in dem es u.a. heißt: „In September werden zahlreiche Normannen das 100 Jährige Jubiläum meiner Mutterverbindung, der Burschenschaft Araucania zu Santiago besuchen. Da ich zwei herrliche Jahre als Normanne in Heidelberg war, konnte ich viel von der Araucania und Chile erzählen und zeigen.“
In dem Artikel werden die Burschenschaften in Chile als vorgeblich unpolitisch ausgewiesen, anders als in Deutschland und Österreich: „Das Ziel der Burschenschaft in Chile ist die Erhaltung des Deutschtums und wir vertreten keine politische Meinung.“ Doch die Verbindungen der chilenischen Burschenschaften zu extrem rechten Burschenschaften in Deutschland und Österreich mitsamt diverser Doppel-Mitgliedschaften wie im Fall Sandrock lassen das zweifelhaft erscheinen.
Die Kontakte umfassen auch nicht nur Einzelpersonen. Die AfD-Schwesterpartei FPÖ in Österreich weist einen noch größeren Anteil an sogenannten „Alten Herren“ in der Führungsspitze auf als die AfD. Deutschnationale Korporierte, darunter viele Burschenschafter, stellen das akademische Rückgrat der FPÖ. Das Netzwerk der deutschnationalen Burschenschafter, die auch Korporierte bezeichnet werden, fungiert gleichzeitig als Seilschaft und Vorfeld von extrem rechten Polit-Projekten, also Parteien (AfD, FPÖ) aber auch Publikationen („Junge Freiheit“).
Diese Doppelfunktion wurde auch Ende März 2018 sichtbar, als FPÖ-Politiker den Süden Chiles besuchten. Mit dabei in der Delegation waren Dr. Georg Mayer (Mitglied der PfE-Fraktion im Europäischen Parlament), Dietmar Holzfeind (Generalsekretär der ESN-Fraktion im Europäischen Parlament) und Armin Sippel (FPÖ-Gemeinderat der Stadt Graz). Alle drei sind auch Mitglieder von deutschnationalen Studentenverbindungen. Da überrascht es wenig, dass die Delegation auch die Burschenschaft Vulkania in Valdivia besuchte, wie der „Condor“ berichtete.
Als (früherer) Teil des extrem rechten Dachverbandes „Deutsche Burschenschaft“ (DB) kann die Normannia als Kaderschmiede der extremen Rechten angesehen werden. Das war auch in den 1990er Jahren so. So sagte im Dezember 1993 ein Sprecher der Normannia der Studierendenzeitung „Ruprecht“ auf Anfrage: „Wir müssen uns nicht schämen, Deutsche zu sein und wollen nicht mehr vor Juden buckeln“. Jorge Sandrock als Vertreter der rechten chilenischen Regierung ist also möglicherweise bis heute Mitglied in einer Burschenschaft, die immer wieder durch Antisemitismus von sich reden machte und bis 2023 als Mitglied der DB Teil eines extrem rechten Netzwerkes war.
Akademische Burschenschaften sind eine Teilmenge von Studentenverbindungen, einer traditionellen Organisationsform vor allem konservativer akademischer Männer. Im Gegensatz zu den meisten anderen Verbindungstypen verstehen sich Burschenschaften explizit als politisch. In Deutschland existieren drei größere burschenschaftliche Dachverbände: Neben der extrem rechten „Deutsche Burschenschaft“ (DB), die konservative „Neue Deutsche Burschenschaft“ (NDB) und die „Allgemeine Deutsche Burschenschaft“ (ADB), die politisch zwischen DB und NDB angesiedelt werden kann. Die DB und Teile der ADB weisen eine deutliche Nähe zur AfD auf. In der DB, in der auch österreichische Burschenschaften organisiert sind, gibt es darüber hinaus auch personelle Überschneidungen zu einer aktivistischen extremen Rechten wie der „Identitären Bewegung“ aber auch zum klassischen Neonazismus. So wurde etwa bei der Hausdurchsuchung bei der Burschenschaft Teutonia-Prag zu Würzburg (DB), die sich gegen den bayrischen AfD-MdL Daniel Halemba richtete, Neonazi-Propaganda und -Musik gefunden.
Das Prinzip, dass sich männliche Akademiker nicht nur in Studentenverbindungen organisieren, sondern speziell in Burschenschaften, ist eine Eigenheit des deutschsprachigen Raums, und darüberhinaus nur in Chile zu beobachten. Hier waren es deutsche Auswanderer und ihre Nachfahren, die seit dem Ende des 19. und im Laufe des 20. Jahrhunderts fünf deutsche Burschenschaften und drei Frauenverbindungen gründeten.
Die fünf Burschenschaften in Chile richten sich vor allem an die Mitglieder der deutschstämmigen und deutschsprachigen Minderheit des Landes. Konkret handelt es sich um die Burschenschaft Araucania in Santiago, die Burschenschaft Andinia in Santiago, die Burschenschaft Montania in Concepción, die Burschenschaft Ripuaria in Valparaiso und die Burschenschaft Vulkania in Valdivia.
Hinzu kommen die Frauenverbindungen Mädchenschaft Amankay in Valdivia, die Mädelschaft Viktoria in Concepción und die Mädchenschaft „Erika Michaelsen Koch“ in Santiago. In Letztgenannter war auch Ena von Baer Mitglied, bis 2022 Senatorin für die Pinochet-Nachfolgepartei „Unión Demócrata Independiente“ und inzwischen in leitender Funktion bei mehreren Stiftungen.
Organisiert sind die chilenischen Burschenschaften im „Bund Chilenischer Burschenschaften“ (BCB), in dessen Wappen der Spruch „Für Deutschtum in Chile“ prangt. Der BCB hat mit der extrem rechten „Deutschen Burschenschaft“ ein Freundschafts- und Arbeitsabkommen abgeschlossen. Deswegen erhalten je ein Burschenschafter aus Deutschland und ein Burschenschafter aus Chile ein einjähriges Stipendium zum Studium in Chile bzw. in der Bundesrepublik. In Deutschland existiert überdies ein Freundeskreis chilenischer Burschenschaften in Deutschland.
Offenbar sind viele Angehörige der Elite der deutsch-chilenischen Minderheit Mitglieder in den Burschenschaften und den Frauenverbindungen. Unklar ist, wie völkisch-deutschnational diese sind. Die Burschenschaft Araucania gibt auf ihrer Homepage an, dass nach einer Satzungsänderung die Kenntnis der deutschen Sprache und nicht mehr die Abstammung („germanische Abkunft“) wichtig sei. In der Satzung heißt es nach einer Änderung: „Nur Männer, die ein akademisches Studium eingeschlagen haben und gewillt sind die deutsche Sprache zu pflegen und sich mit dem deutschen Kulturgut zu befassen, können Mitglieder der Burschenschaft sein“.
Es handelt sich aber auf jeden Fall um konservative Organisationen, die nur akademischen Männern und im Fall der Frauenverbindungen Akademikerinnen offen stehen. Das Deutschtümelnde ist auch bis heute deutlich sichtbar. So heißt es im Bundeslied der Burschenschaft Ripuaria etwa:
„Getreu uralten Volks, und Stammessitten
wir wollen pflegen guten deutschen Brauch.
wird auch für Chiles Ruhm und Glanz gestritten,
so lebt ins uns germanscher Hauch.
Chile zum Aufstieg und Deutschland zur Her
steht Ripuaria tapfer zur Wehr.“
Während der Pinochet-Diktatur sympathisierten viele Burschenschaften offenbar mit dem Regime. So heißt es in einem Artikel im DB-Verbandsorgan „Burschenschaftliche Blätter“ 1-2011 über den Pinochet-Putsch: „Anfang der Siebzigerjahre durchlebte Chile unter Präsident Allende eine politisch schwierige Zeit, in der man die gesellschaftlichen Strukturen infrage stellte, und das Land in ein Chaos gestürzt wurde, mit Streiks, Straßenkämpfen, illegalen Landbesetzungen und bürgerkriegsartigen Zuständen. Auch die Burschenschaften gerieten ins Visier der neuen Machthaber. Eine große Mehrheit des chilenischen Volkes hat diesen Versuch in Chile ein marxistisches Regime zu errichten, jedoch immer abgelehnt und leistete starken Widerstand, weshalb es ohne Zwangsmaßnahmen, Unterdrückung und Blutvergießen auch nie erfolgreich hätte etabliert werden können. Ein zweites Kuba wollte man in Chile nicht.“ (2) In Chile, wo mit José Antonio Kast nun ein deutschstämmiger Politiker regiert, der in der politischen Tradition des Pinochetismus steht, werden nach Jorge Sandrock in Zukunft wahrscheinlich noch weitere Personen aus dem Spektrum der deutschen Burschenschaften politische Posten besetzen.
(1) Burschenschaftliche Blätter 4/2009, Seite 166
(2) Dr. Peter Möller-Holtkamp: Die Burschenschaft Vulkania, in: Burschenschaftliche Blätter 1/2011, Seite 27
Redaktion: Ute Löhning