Kettensäge in Sachsen: Das war die Milei-Konferenz

Verfasst von: Frederic Schnatterer

Carlos Gebauer speaks at Milei-Konferenz, march 14, 2026, Schkeuditz.

Carlos Gebauer speaks at Milei-Konferenz, march 14, 2026, Schkeuditz.

Bild von Frederic Schnatterer, Lizenz CC BY-NC 4.0

Mehrere hundert Teilnehmer*innen dürften es gewesen sein, die sich am 14. März im sächsischen Schkeuditz zur ersten Milei-Konferenz zusammengefunden haben. Veranstaltet vom erst Ende 2025 gegründeten Milei-Institut für Deregulierung in Europa, war die Konferenz vor allem das Schaulaufen einer auch in Deutschland an Stärke gewinnenden rechtslibertären Bewegung. Anwesend waren Personen, die wohl als Kader der Szene bezeichnet werden können: mehrheitlich männlich, oft etwas älter, auch wenn durchaus Jüngere zugegen waren, gut gestellt und weiß.

Ihr Ziel ist es, die Kräfte zu bündeln, in der Öffentlichkeit sichtbar zu werden und die eigenen Narrative in der sich zuspitzenden Krise des Kapitalismus stark zu machen. Der argentinische Präsident Javier Milei mit seiner Kettensäge dient dabei als Symbol, mit dem auch hierzulande Menschen mobilisiert werden können.

Die Konferenz, die im Globana Messe & Event Campus auf halber Strecke zwischen Halle und Leipzig stattfand, stand unter dem Motto „Deutschland deregulieren. Jetzt!“. Thematisch ging es um vielerlei, vor allem beschäftigten sich die Vorträge mit Wirtschaftsthemen. Ihre Titel waren teils kreativ, teils banal. Eine Auswahl: „Schwerpunkte in der Steuerpolitik“ (Redner Reiner Holznagel: „Steuern sind Raub“), „Energiepolitik mit der Kettensäge“ (Björn Peters und Frank Hennig: Umweltstandards abschaffen, Atomenergie reaktivieren), „Mehr Freiraum für Marktprozesse“ (Stefan Kooths vom Kieler Institut für Weltwirtschaft: „Alle Staatsausgaben müssen auf den Prüfstand“) oder „Sozial ohne Staat“ (Frauke Petry: „Unser Sozialsystem konditioniert Bürger auf Sozialleistungsbetrug und bestraft eigenständiges Arbeiten“).

Themen also, die zum Grundinventar libertärer Rufe nach „Deregulierung“ gehören. Gemeint ist ein Staatsumbau, der sich an den Interessen des Kapitals orientiert. Beschränkungen für den „freien“ Markt, der als makellos funktionierend dargestellt wird, sollen ersatzlos gestrichen werden. Darunter fallen Regulierungen und Auflagen, aber auch Rechte von Arbeiter*innen und Sozialleistungen. Der Staat soll auf eine minimale Grundfunktion gestutzt werden. Worin diese genau besteht, darüber wurde auch auf der Milei-Konferenz durchaus debattiert: Die Vorstellungen reichen von einer kompletten Abschaffung des Staates – eine Minderheitsmeinung der reinen Lehre des Libertarismus – hin zu minarchistischen Ideen, die den Staat verkleinern wollen, ihm aber seine ordnende und repressive Funktion weiter zugestehen, also Justiz-, Polizei- und Militärapparat nicht durch Privatdienstleister ersetzen wollen.

Wer kam in Schkeuditz zusammen?

Es waren Politiker*innen, vor allem frühere Mitglieder von AfD und FDP, Ökonom*innen, Unternehmer*innen und Publizist*innen, die auf der Milei-Konferenz zusammenkamen. Die Liste der zentralen Redner*innen ergibt ein genaueres Bild der Konferenz und des hinter ihr stehenden Instituts.

Der Anwalt Carlos Gebauer ist Vorsitzender des Milei-Instituts, war Mitglied der FDP und hat keinerlei Berührungsängste mit der AfD, von deren Bundestagsfraktion er im Februar 2026 als „Experte“ in die Enquete-Kommission Corona geladen wurde. Seit vielen Jahren versucht Gebauer, der rechtslibertären Ideologie zu einem größeren Publikum zu verhelfen, so als Kolumnist des Magazins Eigentümlich frei, Gastautor bei der Achse des Guten oder im Cicero. Außerdem ist Gebauer stellvertretender Vorsitzender der Hayek-Gesellschaft – einer der zentralen Lobbygruppierungen, die hinter dem Milei-Institut stehen. Gebauer gehörte 2020 zu den prominentesten Fürsprechern der umstrittenen Aufnahme des ehemaligen Chefs des Verfassungsschutzes, Hans-Georg Maaßen, in die Hayek-Gesellschaft. In seiner Begrüßungsrede in Schkeuditz behauptete Gebauer, Deregulierung sei „zu einer Frage des Menschenrechts“ geworden. Milei in Argentinien dereguliere, „und darum schauen wir auf ihn“. Die „Regulierten“ dürften nicht länger schweigen, so der Aufruf zum Ende der Begrüßung, sondern müssten ihre „libertäre Stimme“ erheben.

2024 erregte die Hayek-Gesellschaft mediale Aufmerksamkeit, als sie dem argentinischen Präsidenten für seine „Verdienste um die Idee der Freiheit“ eine Medaille verlieh. Milei sei „ein ambitionierter Reformer im Sinne Hayeks“, hieß es damals zur Begründung. Friedrich August von Hayek gilt als einer der bedeutendsten Vertreter der Österreichischen Schule der Nationalökonomie, die den Libertarismus geprägt hat. Diese sprach sich gegen staatliche Eingriffe in die Wirtschaft aus, welche sie zur Vorstufe zum Sozialismus erklärte. Vorsitzender der rechtslibertären Hayek-Gesellschaft ist der Ökonom Stefan Kooths, der am Kieler Institut für Weltwirtschaft tätig ist und in Schkeuditz zum Thema „Mehr Freiraum für Marktprozesse“ referierte.

Gebauers Stellvertreterin an der Spitze des neuen Milei-Instituts ist Frauke Petry. Die frühere AfD-Chefin, die 2017 die wenig später gescheiterte Die blaue Partei als „freiheitlich-konservative Alternative“ gegründet hatte, ist mittlerweile Mitglied im Team Freiheit. Diese rechtslibertäre Vereinigung wurde erst im vergangenen Jahr ins Leben gerufen und ist laut eigener Aussage eine „Anti-Partei“. Zwar plant sie, künftig zu Wahlen anzutreten. Mögliche Mandatsträger*innen sollen allerdings nicht aufgrund ihrer Parteimitgliedschaft, sondern aufgrund ihrer (vermeintlichen) Kompetenz ausgewählt werden. Neben Petry, die in Schkeuditz wie ein Star gefeiert wurde, gehören zum Team Freiheit der ehemalige Kurzzeitministerpräsident Thüringens, Thomas Kemmerich (damals FDP, inzwischen parteilos), und Joana Cotar, die für die AfD im Bundestag saß. Sie alle hielten Vorträge auf der Milei-Konferenz.

Als dritte Organisation steht das Mises-Institut hinter der neugegründeten Organisation. Zentral ist der Volkswirt Philipp Bagus, der als Gründer des Milei-Instituts firmiert und im wissenschaftlichen Beirat des Mises-Instituts sitzt. Bagus arbeitet an der privaten Universität Rey Juan Carlos in Madrid, die sich unter Jesús Huerta de Soto zu einem Zentrum libertärer Wirtschaftsideologie in Europa entwickelt hat. Er brüstet sich mit seiner engen Beziehung zum argentinischen Staatschef, über den er 2024 eine Fan-Biografie veröffentlicht hat. Bagus soll es auch gewesen sein, der von Milei das Einverständnis dafür eingeholt habe, dass das Institut seinen Namen tragen darf. Im wissenschaftlichen Beirat des Milei-Instituts sitzt mit Thorsten Polleit außerdem der Präsident und Gründer des Mises-Instituts.

Über Deutschland hinaus

Doch das Milei-Institut verfügt nicht nur in Deutschland über Unterstützung. Es soll sich zu einer Plattform im gesamten deutschsprachigen Raum entwickeln. Zu den Gründungsmitgliedern gehörte auch die FPÖ-Politikerin und Abgeordnete des österreichischen Nationalrats, Barbara Kolm. Kolm gründete 1993 das in Wien angesiedelte Friedrich A. von Hayek Institut und leitet dieses seit 2000. Im wissenschaftlichen Beirat des Milei-Instituts sitzt zudem der Schweizer Publizist Oliver Kessler, der sich als „konsequent liberal“ bezeichnet, früher in der SVP aktiv war und heute das Liberale Institut in Zürich leitet.

Das Milei-Institut präsentiert sich als wissenschaftliche Einrichtung. Auf seiner Homepage heißt es, seine Mitglieder wollten „aus ihren jeweiligen Fachbereichen, mit ihren individuellen Kompetenzen und mit ihren intellektuellen Netzwerken einen Beitrag“ dazu leisten, „den Wissens- und Erfahrungsaustausch zwischen Argentinien und Europa zu fördern“. Nicht nur die Redundanz der Inhalte bei der ersten Milei-Konferenz zeigt allerdings, dass es vielmehr darum gehen dürfte, klassische Lobbyarbeit zu leisten. Rechtslibertäre Ideologie soll popularisiert und die Kräfte gebündelt werden. In einem Gespräch mit dem Cicero formulierte Petry Anfang Dezember 2025: „Der Plan ist, einen Handlungskatalog zu entwickeln, den die nächste bürgerliche Regierung – wie auch immer die aussehen wird – von Tag eins an nutzen kann, um Bürokratie abzubauen.“

Milei als „Metapher“

Auf der Homepage des Instituts heißt es, Milei habe „dem Projekt der wirtschaftspolitischen Deregulierung mit der Kettensäge eine international wirkmächtige Metapher verliehen“. Auch auf der Konferenz in Schkeuditz ist die Kettensäge auf der Bühne, auf Flyern und Stickern präsent. Der Name Milei, so scheint es, bringt auch hierzulande Aufmerksamkeit. Konferenzbesucher*innen berichten, der argentinische Präsident habe sie zuerst dazu gebracht, sich mit der libertären Ideologie auseinanderzusetzen. Lateinamerikanische oder argentinische Teilnehmer*innen sind hingegen nicht auf der Konferenz anwesend; die einzige Ausnahme stellt eine rechtslibertäre Aktivistin aus Argentinien dar, die den Instagram-Kanal Milei auf Deutsch betreibt und den Staatschef als „Leuchtturm der Freiheit“ bezeichnet.

Milei selbst hatte am Tag der Konferenz offensichtlich auch besseres zu tun. Statt nach Sachsen reiste er nach Spanien. In der Hauptstadt Madrid traf er sich mit dem Chef der extrem rechten Vox-Partei, Santiago Abascal. Vox ist ein zentraler Akteur der Vernetzung extrem rechter Kräfte aus Spanien und Lateinamerika. Später zeichnete der deutsche Ökonom Bagus den argentinischen Präsidenten vor dem Madrid Economic Forum im Namen des Mises-Instituts mit dem Ludwig-von-Mises-Gedenkpreis aus.

Rechtspopulismus à la Rothbard

In der Begründung heißt es, Milei folge der „Doppelschlag-Strategie“ des rechtslibertären Murray Rothbard. Diese bestehe aus dem „ideologischen Schlag“, also der Verbreitung libertärer ökonomischer Ideologie und Stärkung einer Führungselite, und dem „populistischen Schlag“, also einer „Ansprache der Massen“. Rothbard war es, der zentral für das Zusammengehen libertärer ökonomischer und ultrarechter Demagogie plädierte, so in seinem 1992 erschienen Aufsatz „Right-Wing Populism: A Strategy for the Paleo Movement“.

Obwohl für das Programm nicht zentral, wurden auch in Schkeuditz rechte Parolen geschwungen. In Deutschland lebenden Ukrainer*innen wurde vorgeworfen, sie seien nur hier, um sich in den Sozialsystemen einzurichten. Personen muslimischen Glaubens wurden als „nicht integrierbar“ dargestellt. Hinzu kamen rechte Verschwörungserzählungen, so wenn insinuiert wurde, Deutschland sei eine GmbH, oder wenn der menschengemachte Klimawandel geleugnet wurde.

Das Milei-Institut ist angetreten, um die rechtslibertären Kräfte im deutschsprachigen Raum zu einen. Sie treten damit erstmals unter einem Label auf, das radikal und international vernetzt ist. Der Name Milei dient dabei vor allem dazu, Aufmerksamkeit zu generieren. Ob das gelingen kann und die im Institut vereinten Kräfte über ihren Resonanzraum hinaus zu einer relevanten Stimme im politischen Diskurs werden können, muss sich zeigen.


Redaktion: Ute Löhning

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