Veröffentlichung
4. August 2026
AfueraFest 2026 Sachsen-Anhalt: von Kettensäge, Bergbau und Patriarchat
Verfasst von: Frederic Schnatterer, Ute Löhning
Die Szenerie wirkte idyllisch: Der Campingplatz Gerlebogk in Sachsen-Anhalt liegt an einem kleinen See, umgeben von Natur. Sein Sandstrand, an den Rändern von Schilf gesäumt, lädt zum Baden ein. Am letzten Wochenende im Juli reihten sich auf der Wiese des Strandbads Informations-, Merchandise- und Büchertische an Grill- und Bierstände. Gelb-schwarze Wimpelgirlanden wehten im Wind, etwas weiter war ein Veranstaltungszelt mit Bühne aufgebaut. Auf Liegestühlen und Feuertonnen prangte eine Kettensäge – das Logo der Veranstaltung. Dazu in dicken Lettern das spanische afuera, was „raus“ oder „weg damit“ bedeutet.
Hier, im sachsen-anhaltinischen Hinterland zwischen Könnern und Köthen, fand das AfueraFest statt. Bis zu 500 „freiheitlich denkende Menschen, Bitcoin-Enthusiasten, Unternehmer, Familien und zahlreiche spannende Redner“ kamen laut der veranstaltenden Kleinstpartei Die Libertären zusammen. Mit dabei waren rechte Medien wie Compact und Streamer*innen wie Utopia TV, die teils live von der Veranstaltung berichteten.
Zweites AfueraFest in Deutschland
Nach der Erstauflage des AfueraFests im vergangenen Jahr auf Schloss Pürkelgut bei Regensburg war es das zweite Mal, dass das rechtslibertäre Festival organisiert wurde. Bereits vor dem Event hatte der Bundesgeschäftsführer der Partei Die Libertären und Vorsitzende des Afuera Kulturvereins, Florian Handwerker, in einem Online-Stream erklärt, man hätte das Festival „sehr gerne wieder in Regensburg gemacht“. 2025 hatten antifaschistische Gruppen Druck ausgeübt, der letztlich logistische Probleme für das AfueraFest mit sich brachte. Insofern, so Handwerker, habe der neue Veranstaltungsort auch Vorteile. Da die lokale Bevölkerung in Sachsen-Anhalt „ein bisschen freiheitlicher und toleranter als in Regensburg“ sei, erwarte er „weniger Gegenwehr“.
Möglich, dass die Entscheidung für Gerlebogk auch mit den in Sachsen-Anhalt anstehenden Landtagswahlen zu tun hat. Bei der Wahl am 6. September rechnet sich die Alternative für Deutschland (AfD) Chancen aus, die absolute Mehrheit zu gewinnen. Im Strandbad waren auch Vertreter*innen der Rechtsaußenpartei anwesend. Deckungsgleich mit den Mehrheitsmeinungen in der AfD ist die Szene, die beim AfueraFest zusammenkam, indes nicht. Beim „Kulturfest der Freiheit“ trafen sich Rechtslibertäre, Ultrakonservative, Anarchokapitalist*innen und Kryptowährungsfans. Sie eint die Ablehnung des Staats, der als Synonym für „Bürokratie, Privilegien, Bevormundung und politische Selbstbedienung“ gelesen wird, wie es auf der Website des AfueraFests heißt.
Politik der Kettensäge
Der Name des Treffens ist ebenso wie das Motiv an den argentinischen Präsidenten Javier Milei angelehnt. Der hatte im Wahlkampf 2023 einzelne Zettel mit Namen ihm unliebsamer Ministerien vor laufender Kamera von einer Tafel gerissen, wobei er „afuera“ rief. Nach seiner Wahl schaffte er tatsächlich die Hälfte der Ministerien ab. Die Kettensäge, mit der er „den Staat beschneiden“ wolle, reckte er bei einer Vielzahl von Auftritten in die Luft. Für die rechtslibertäre Szene ist Milei, bei dem der Begriff „Freiheit“ einen zentralen Platz einnimmt, zum Vorbild oder mindestens zur Projektionsfläche geworden. „Freiheit“ wird dabei – sowohl in Argentinien als auch bei deutschen Rechtslibertären – in erster Linie wirtschaftlich gedacht. Kern ist das Recht auf Privateigentum, das über den Wert eines Menschen entscheidet. Ziel ist ein möglichst freier Markt, dem staatliche Institutionen und die Gesellschaft untergeordnet werden. Solidarische Gesundheits-, Renten- oder Bildungssysteme sollen privatisiert werden. „Steuern sind Raub“ lautete dementsprechend ein wiederkehrender Slogan beim AfueraFest.
Dabei präsentierte sich die rechtslibertäre Szene als offen, diskussionsfreudig und friedlich. Bei Live-Musik oder Karaoke, beim Schlauchbootfahren oder Wikingerschach, beim Yoga oder in Workshops zu Themen wie „Bitcoin in der Praxis“ ging es darum, „Freiheit nicht nur zu predigen, sondern zu leben“, wie es auf der Website des Festivals heißt. Die Botschaft: Libertarismus macht Spaß und ist darüber hinaus auch familienfreundlich.
Bei genauerem Hinsehen bleibt von dem friedlichen Image allerdings nicht mehr viel übrig. Von Misogynie über Sympathie für Diktaturen bis zu Forderungen nach „Remigration“ war auf dem AfueraFest einiges dabei.
„Make patriarchy great again“
„Make patriarchy great again“ lautete der Titel eines Beitrags des als „Dating-Coach“ auftretenden Maximilian Pütz. Den ursprünglichen Arbeitstitel „Frauen zurück an den Herd – ein Vorschlag“ habe er in Absprache mit den Organisatoren des AfueraFestes abgemildert, erklärte er freimütig gegenüber dem extrem rechten Medium Compact. Sein Ziel sei ein „moderner Traditionalismus“ und „eine Stärkung der Mutterrolle“. Pütz war mit Äußerungen in Interviews bekannt geworden, dass ein „Nein“ einer Frau nicht immer „Nein“ bedeute. Übrigens: Unter den als „hochkarätige Gäste“ für das Festival angekündigten Personen fand sich neben 36 Männern eine einzige Frau.
Freiheit für Bergbauunternehmen
Ökonomisches Schwergewicht des AfueraFests war Titus Gebel, Präsident der Privatstadtinitiative Free Cities Foundation sowie Chairman und Direktor des Kupferbergbau-Unternehmens Argentina Metals Corp, die beide zu den Sponsoren des AfueraFests gehörten. Er war Mitgründer der Holding Deutsche Rohstoff AG und einer der Hauptakteure bei der Einrichtung von Próspera, jener Privatstadt mit weitgehender ökonomischer, juristischer und verwaltungstechnischer Unabhängigkeit auf der honduranischen Insel Roatán. Argentina Metals will Großprojekte in der Region Mendoza im argentinisch-chilenischen Grenzgebiet betreiben, beschwört auf der eigenen Website den bevorstehenden argentinischen Kupferboom und lobt den „Milei-Effekt“. Gemeint ist die unternehmerfreundliche Wirtschaftspolitik des argentinischen Präsidenten, die Großinvestitionen durch steuerliche und andere weitreichende Vorteile im Rahmen der als „Rigi“ oder „Super-Rigi“ bezeichneten Programme befördert, sozialen Kahlschlag betreibt, den Umweltschutz als „Wokeismus“ bezeichnet und demontiert. So wurde erst kürzlich das argentinische Gesetz zum Schutz der Gletscher zugunsten der Interessen des Kupfer- und Lithiumbergbaus zurechtgestutzt - unter Protest von Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen.
Gebel selbst betont, dass er mit Regierungen über die Einführung von Privatstadtmodellen verhandelt und grenzt sich von Reichsbürgern und „sezessionistischen“ Bestrebungen ab. Allerdings hatte er beim AfueraFest kein Problem damit, vor seinem Stand mit Chase Walinski, der im Kontext extrem rechter Demonstrationen in Deutschland bekannt geworden war, für ein Foto zu posieren. Walinski trug dabei ein T-Shirt mit dem verstörenden Aufdruck eines Hubschraubers mit dem Slogan „Pinochet’s Helicopter Tours Established 1973“ – eine eindeutige Anspielung auf die Praxis des zwangsweisen Verschwindenlassens Oppositioneller während der Diktatur in Chile (1973–1990), in der Gefangene aus Hubschraubern über dem offenen Ozean abgeworfen wurden. Schon beim AfueraFest 2025 hatte sich der Youtuber Andreas Tank, der sich „Der Rosarote Panzer“ nennt, mit einem solchen T-Shirt fotografieren lassen.
Gegen den Staat, aber mit Staatsterrorimus
Internationaler Stargast des AfueraFests war in diesem Jahr der chilenische Expräsidentschaftskandidat Johannes Kaiser von der National-Libertären Partei (PNL). Auch er bezieht sich positiv auf die Diktatur, mit deren Hilfe der Neoliberalismus in Chile als erstem Land weltweit durchgesetzt wurde, und fordert die Begnadigung von Militärs und Polizisten, die wegen Beteiligung an Folter und Mord verurteilt wurden. Auch er posierte mit Walinski und dessen Helicopter T-Shirt für ein Foto.
Der deutschstämmige Kaiser präsentiert sich zugleich als „Hüter des ungeborenen Lebens“, ist ein strenger Gegner des Rechts auf Abtreibung und der Rechte von LGBTIQ-Personen. Auf dem Podium des diesjährigen AfueraFestes sprach er auf deutsch mit dem Privatstadtverfechter Gebel über Erfahrungen aus der chilenischen Politik, über Sicherheitsfragen und über libertäre Konzepte, den Staat auf ein Minimum zu reduzieren. Unter der extrem rechten Regierung von José Antonio Kast senkt auch Chile die Unternehmenssteuern und lockt ausländische Investitionen in Großprojekte. Chile und Argentinien reaktivierten jüngst einen bilateralen Vertrag zur Förderung des Bergbaus in der Grenzregion
Der libertäre Flügel der AfD
Außerdem traf Kaiser mit Jurij Christopher Kofner zusammen. Kofner ist Geschäftsführer des Instituts für konservative Wirtschaftspolitik (IKW) und Fachreferent für Wirtschaft, Energie und Digitales der AfD-Fraktion im Bayerischen Landtag und hatte schon 2023 die extrem rechte Conservative Political Action Conference (CPAC) in Ungarn besucht. Er steht für den rechtslibertären Flügel innerhalb der AfD, der den Ökonomen Philipp Bagus im März 2025 in den bayerischen Landtag und nun unter dem Titel „Wie viel Milei brauchen wir für die Rettung des deutschen Sozialstaats?“ zum Vortrag in die Bundestagsfraktion eingeladen hatte.
Diesen Flügel in der AfD zu stärken, ist auch das erklärte Ziel von Markus Krall, Vorstandsvorsitzender der rechtslibertären Atlas Initiative – auch sie sponsorte das AfueraFest - und Mitglied der Kleinstpartei Bündnis Deutschland, der auf der Bühne des AfueraFestes sprach. Im Interview mit dem rechten Youtube-Kanal Utopia TV, der zwei Tage vom AfueraFest streamte und am dritten Tag mit dem AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund auf Simson-Tour ging, erklärte Krall, er sei zwar nicht Mitglied der AfD, habe aber „propaganda-technischen Einfluss“ auf die Partei. Er glaube, dass die AfD ein „Vehikel sein kann, auf dem Weg zu einem Minimalstaat“. Nach seiner Einschätzung dauere es noch zwei bis drei Jahre, bis die Partei an der Regierung sei. Diese Zeit müsse genutzt werden, um „ein Programm auszuarbeiten, das fertig auf dem Tisch liegt, wenn die AfD in die Verantwortung geht, und das dann abgearbeitet werden kann wie geschnitten Brot. Kettensäg’ mit anderen Worten.“
Krall steht auch in kulturpolitischen Fragen der AfD nahe. „Genderwahn, Klimawahn, all das“, gehöre „auf den Müllhaufen der Geschichte“, Einwanderung von vor allem muslimischen Menschen lasse sich „korrigieren mit Remigration, mit nichts anderem“, erklärt er. „Diese Leute gehören nicht zu uns, sie gehören nicht hierher.“
Wenngleich viele der Teilnehmenden des AfueraFests eine Nähe zur AfD haben, so ist die rechtslibertäre Szene dennoch relativ heterogen. Neben der Kleinstpartei Die Libertären versammelten sich in Gerlebogk Vertreter*innen von Team Freiheit – einer 2025 von Ex-AfD-Politiker*innen wie Joana Cotar und Frauke Petry sowie ehemaligen FDPlern wie Thomas Kemmerich ins Leben gerufenen „Anti-Partei“, – oder der Partei der Vernunft (PDV). Hinzu kommen rechtslibertäre Lobbyvereine und Think Tanks wie die Atlas-Initiative, das Ludwig von Mises Institut Deutschland oder die Hayek-Gesellschaft.
Trotz teils großer ideologischer Differenzen – so bei außenpolitischen Fragen –, hat sich das AfueraFest innerhalb eines Jahres zu einem wichtigen Ort des Austauschs und der Vernetzung der rechten und rechtslibertären, der Privatstadt- und Kryptowährungs-affinen Szene im deutschsprachigen Raum entwickelt. Obwohl diese Szene hierzulande weiter relativ klein bleibt, darf sie als Stichwortgeber für andere rechte Akteure und als Sammelbecken verschiedener Ausrichtungen nicht unterschätzt werden.
Redaktion: Susanne Brust