Veröffentlichung
7. April 2026
Dónde están? Eine Million bei Demo 50 Jahre nach dem Putsch
Verfasst von: Gabriela Mitidieri, Robert Grosse
*24M: UNA PLAZA HISTÓRICA POR LA MEMORIA A 50 AÑOS DEL GOLPE*
Bild von Ayelén Césare (https://www.instagram.com/ayi.cesarita/ / https://x.com/Ayicesarita_) para el CELS, Lizenz CC BY-SA 4.0
Erinnerungspolitik ist in Argentinien keine Angelegenheit für Museen, sondern eine lebendige soziale und politische Kraft. Das haben die Aktivitäten am diesjährigen 24. März, fünfzig Jahre nach dem Putsch von 1976, erneut gezeigt. Trotz der seit den Parlamentswahlen im Oktober vergangenen Jahres gestärkten Regierung und obwohl der Staatsterrorismus im offiziellen Diskurs relativiert wird, ist der Menschenrechtsbewegung eine sehr kraftvolle Antwort gelungen: Nach fast zwei Jahrzehnten getrennter Veranstaltungen und Mobilisierungen schlossen sich die Organisationen an diesem 24. März in Buenos Aires erneut zu einer gemeinsamen Demonstration zusammen, begleitet von weiteren Aktivitäten, Veranstaltungen und Mobilisierungen im ganzen Land. Unter den historischen Forderungen nach „Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit“ hinterließ der Tag ein klares politisches Zeichen: Dem Geschichtsrevisionismus und den Versuchen der Zersplitterung setzt die Menschenrechtsbewegung seit jeher ihre Fähigkeit zu Vernetzung, ihre öffentliche Glaubwürdigkeit und Mobilisierungskraft entgegen.
Eines der bedeutendsten Elemente dieses Jahrestags war gerade diese Einheit. Menschenrechtsorganisationen, führende Persönlichkeiten und Akteure aus verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens formulierten einen gemeinsamen Aufruf zu diesem besonders sensiblen Datum. Diese Geschlossenheit hat eine eigene politische Bedeutung: Denn es ging nicht nur um eine organisatorische Entscheidung, sondern um eine öffentliche Bekräftigung, dass der demokratische Konsens, der sich um die Erinnerungspolitik herum gebildet hat, nach wie vor Bestand hat. Das Ausmaß der Mobilisierung unterstrich diese Botschaft: Nach Schätzungen der Organisator*innen versammelten sich rund eine Million Menschen in Buenos Aires und etwa 1,4 Millionen im ganzen Land. Jenseits der üblichen Debatte über die Zahlen ist entscheidend, dass die massive Beteiligung den 24. März erneut zu einer der stärksten demokratischen Ausdrucksformen in der politischen Agenda Argentiniens gemacht hat. Nicht nur am 24. März selbst, sondern auch in den Tagen davor und danach zeigte die hohe und generationenübergreifende Beteiligung an den Aktivitäten, dass die Erinnerungspolitik nicht in der Vergangenheit erstarrt ist. Stattdessen geht es um eine aktive Deutung der Gegenwart, um die Verteidigung der in Jahrzehnten erreichten Fortschritte und um die Bekräftigung einer breiten gemeinsamen Basis gegen negationistische, relativierende oder rückschrittliche Diskurse.
Der Gegensatz zur Regierung wurde deutlich sichtbar. Im Vorfeld der Demonstration am 24. März veröffentlichte die Regierung von Javier Milei ein neues Video unter dem Motto „Für vollständige Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit“. Dieses Video setzt ein Narrativ, das die Gewalt linker bewaffneter Organisationen der 1970er Jahre wie der ERP (Revolutionäres Heer des Volkes) oder der Montoneros (red. Anm.: links-peronistische Stadtguerrilla) mit dem Staatsterrorismus gleichsetzt und den über Jahrzehnte erarbeiteten historischen Konsens hinsichtlich der Aufklärung der während der letzten Diktatur in Argentinien (1976–1983) begangenen Verbrechen in Frage stellt. Menschenrechtsorganisationen [red. Anm.: die maßgeblich zu großen Erfolgen bei der Aufklärung von Verbrechen der argentinischen Diktatur beigetragen haben] reagierten scharf auf diese politische und symbolische Aktion. Die Parole „Que digan dónde están“ (Sagt, wo sie sind) fasste diese Reaktion treffend zusammen: Wenn es um „vollständige Erinnerung“ ginge, dann bleibe die unausweichliche Frage nach dem Schicksal der Verschwundenen, nach dem Schweigepakt der Angehörigen der Repressionsorgane und nach der staatlichen Verantwortung für Verbrechen gegen die Menschheit.
Ein weiterer entscheidender Faktor war der landesweite Charakter der Gedenkfeier. Die Aktivitäten beschränkten sich nicht auf die Plaza de Mayo oder die Stadt Buenos Aires: In zahlreichen Städten des Landes fanden Demonstrationen, Mahnwachen, kulturelle Veranstaltungen und Gedenkfeiern statt. Diese territoriale Ausdehnung steht für eine langfristige Stärke der argentinischen Menschenrechtsbewegung: ihre Fähigkeit, öffentliche Präsenz zu organisieren, Bündnisse zu erneuern und politische Bedeutung über die Hauptstadt hinaus zu vermitteln. Fünfzig Jahre nach dem Putsch zeigte sich die Erinnerungspolitik erneut als kollektive Praxis mit landesweiter Ausdehnung, mit starker generationsübergreifender Beteiligung und einer bemerkenswerten Fähigkeit, die Gesellschaft anzusprechen.
Die politische Bilanz des 24. März ist somit eindeutig und für die argentinische Gesellschaft insgesamt sehr motivierend. In einem widrigen Umfeld verteidigte die Menschenrechtsbewegung nicht nur das Erkämpfte, sondern schaffte es auch, eine gemeinsame, breite und landesweite Reaktion zu organisieren. Die gemeinsame Demonstration, die Aktivitäten im ganzen Land und die Wiederaneignung von Slogans wie „Erinnerung, Wahrheit und Gerechtigkeit“ und „Sagt, wo sie sind“ zeigten, dass die demokratische Erinnerungskultur lebendig bleibt und weiterhin eine der wichtigsten ethischen und politischen Kräfte Argentiniens ist.
Redaktion & Übersetzung: Ute Löhning