Stichwahl in Kolumbien: Wer ist der rechte Hardliner de la Espriella?

Verfasst von: Frederic Schnatterer

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Bild von Frederic Schnatterer, Lizenz private archive, entrusted to ReGA

Am 21. Juni geht es für Kolumbien um vieles – und auch die gesamte Region dürfte an dem Tag gespannt auf die Stichwahl um das Präsidentenamt des Landes blicken. In der stehen sich der Kandidat der progressiven Regierung, Iván Cepeda vom Pacto Histórico, und der extrem rechte Anwalt Abelardo de la Espriella gegenüber. De la Espriella hatte in der ersten Runde am 31. Mai ein für viele überraschend gutes Ergebnis erzielt, mit fast 44 Prozent der Stimmen kam er auf den ersten Platz und lag drei Prozentpunkte vor dem zweiplatzierten Cepeda. Es besteht die Gefahr, dass sich de la Espriella letztlich gegen Cepeda durchsetzen wird. Ein solches Ergebnis würde nicht nur das Ende der ersten Linksregierung in Kolumbien bedeuten. Es käme auch einer weiteren Stärkung des Blocks rechtsregierter Länder in Lateinamerika gleich.

Nach der ersten Runde dauerte es nur zwei Tage, bis sich die US-Regierung in den kolumbianischen Wahlkampf einmischte. In einem Beitrag auf seiner Plattform Truth Social gratulierte US-Präsident Donald Trump dem Rechtskandidaten, den er als einen „intelligenten, starken und unbeirrbaren Anführer“ bezeichnete, zu seinem Erfolg. Das Ergebnis der Stichwahl, in der er gegen einen „linksradikalen Marxisten“ antrete, werde „sehr bedeutsam für die Zukunft Kolumbiens und die Beziehung zu den USA“ sein. De la Espriella sprach er daher seine „uneingeschränkte Unterstützung“ aus.

Kolumbien, ein traditionell enger Partner der USA, hat sich unter der noch amtierenden Regierung von Gustavo Petro teilweise emanzipiert. Das möchte Trump, der in seiner zweiten Amtszeit mit der Nationalen Sicherheitsstrategie auf mehr Einfluss und die alleinige Vorherrschaft in Lateinamerika pocht, rückgängig machen. Kolumbien ist allein aufgrund seiner geografischen Lage von Bedeutung; von dort können große Teile der Region militärisch kontrolliert werden. Außerdem geht es der Trump-Regierung um eine Schwächung des progressiv regierten Blocks, zu dem neben Kolumbien auch Brasilien und Mexiko gehören – die drei bevölkerungsreichsten Länder Lateinamerikas. Konnte Washington im vergangenen Jahr mit den rechten Wahlsiegen in Chile, Bolivien und Honduras gleich mehrere Verbündete zurückgewinnen, setzen sie 2026 auf die Regierungsübernahme in Kolumbien und im Oktober in Brasilien.

Militär statt politischer Lösungen

Dass de la Espriella die US-Interessen in Kolumbien vertreten wird, hat er stets klar gemacht. Trump sprach er wiederholt seine „absolute Bewunderung“ aus. Besonders in Sicherheitsfragen möchte er die Zusammenarbeit mit Washington stark ausbauen, auch Israel soll eine wichtige Rolle spielen. Um die „Krankheit des Drogenhandels“ zu bekämpfen, wolle er einen „Plan Colombia 2.0“ aufsetzen. Der ursprüngliche Plan Colombia bezeichnete die Milliarden Dollar schwere Aufrüstung des kolumbianischen Militärs durch die USA in den 2000er Jahren, die den bewaffneten Konflikt innerhalb Kolumbiens eskalieren ließ. Auch einen Beitritt zur Trump-Allianz „Shield of the Americas“ möchte de la Espriella beantragen. Die Koalition beschwört den militärisch geführten Kampf gegen Drogenkartelle und illegalisierte Einwanderung in Lateinamerika.

Statt auf eine politische Lösung des bewaffneten Konflikts zu setzen, der viele Regionen Kolumbiens im Griff hat, bevorzugt de la Espriella eine Ausweitung der Militärattacken. Neben Luftbombardements möchte er die flächendeckende Versprühung des Unkrautvernichtungsmittels Glyphosat gegen Kokaplantagen wieder aufnehmen. Die Verhandlungen mit bewaffneten Gruppen, die die Petro-Regierung mit widersprüchlicher Bilanz aufgenommen hat, möchte er nach Regierungsantritt unverzüglich abbrechen. Knapp zehn Jahre nachdem das Friedensabkommen zwischen der Regierung und der bis dato größten Guerilla FARC-EP unterzeichnet wurde, wären die Folgen für den ländlichen Raum mit einer wahrscheinlich nochmals stärkeren Eskalation der Gewalt fatal.

Internationale Allianzen

Nicht nur Trump, auch andere extrem rechte Politiker überbrachten de la Espriella nach seinem Sieg in der ersten Runde ihre Glückwünsche. Neben Santiago Abascal von der spanischen Vox-Partei stachen dabei der ecuadorianische Präsident Daniel Noboa und sein argentinischer Amtskollege Javier Milei hervor. Beide verbindet, dass sie Teil der Trump-treuen Achse in der Region sind. Und beide sieht de la Espriella als Inspiration. Im Wahlkampf hatte er Milei als „ein wirtschaftliches Vorbild für die Region“ bezeichnet; ähnlich wie dieser wolle er die Ausgaben des Staates, den er ein „ineffizientes Monster“ nennt, drastisch kürzen. Konkret nannte er eine Reduzierung um 40 Prozent. Bezeichnet sich Milei selbst als Löwen, hat sich de la Espriella den Spitznamen „der Tiger“ gegeben, da dieser „Kraft“, „Mut“ und „Macht“ repräsentiere.

Keine öffentlichen Glückwünsche kamen indes aus El Salvador, dabei wird de la Espriella nicht müde, dem dort seit 2019 diktatorisch regierenden Nayib Bukele seine Bewunderung auszusprechen. Bereits Ende 2023 erklärte er gegenüber der kolumbianischen Zeitschrift Semana: „Ich finde Bukele gut, aber neben mir würde er wie ein Pfadfinder aussehen. Ich finde ihn ziemlich lasch.“ Im Wahlkampf kündigte er an, er wolle Privatinvestoren zehn Mega-Gefängnisse für Schwerverbrecher in abgelegenen Regionen bauen lassen. Die Maßnahme erinnert stark an den punitiven Ansatz Bukeles.

De la Espriella dominiert das rechte Lager

Der Grund, warum die Trump-Regierung nicht schon früher öffentlich auf de la Espriella gesetzt hat, ist simpel: Neben ihm trat mit Paloma Valencia noch eine weitere Rechtsaußen-Kandidatin zur Wahl an, die die US-Interessen ebenso vertreten hätte. Letztlich schnitt die Kandidatin des Centro Democrático in der ersten Wahlrunde mit knapp sieben Prozent jedoch enttäuschend schlecht ab. Noch am Wahlabend riefen Valencia und ihr Chef, der weiterhin einflussreiche Expräsident Álvaro Uribe, zur Stimmabgabe in der Stichwahl für de la Espriella auf, da Kolumbien nur so „vor dem Kommunismus“ oder Neokommunismus bewahrt werden könne.

Mit der ersten Runde der Präsidentschaftswahl vollzieht sich eine Umstrukturierung der kolumbianischen Rechten, die in den vergangenen Jahrzehnten von Uribe und dem von ihm kontrollierten Centro Democrático dominiert wurde. Allerdings hatte der Ex-Präsident zuletzt immer größere Probleme, neue Führungsfiguren zu finden. Seit dem Wahlerfolg von Iván Duque 2018 gelang es dem Centro Democrático nicht mehr, auch nur in die Stichwahl einer Präsidentenwahl zu kommen. Bei der Wahl 2022 war der rechte Unternehmer Rodolfo Hernández als vermeintlicher Außenseiter in die zweite Runde eingezogen, aus der mit Petro jedoch der erste progressive Präsident in der Geschichte Kolumbiens hervorging. Das war ein Vorgeschmack auf eine Entwicklung, die mit de la Espriella nun ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht hat.

Auch de la Espriella inszeniert sich als Outsider, der nie ein politisches Amt ausgeübt hat. Wie andernorts auch funktioniert die Erzählung, dieser Umstand mache ihn glaubhaft und weniger korruptionsanfällig als die Vertreter der „Kaste“, mit der er aufräumen wolle. „Ich bin kein Politiker, sondern ein Unternehmer“, erklärte er im Wahlkampf. „Politiker machen Versprechungen, wir Unternehmer verpflichten uns.“ Laut kolumbianischen Medien verfügt de la Espriella über mehr als 30 Unternehmen in verschiedensten Branchen, die im In- und Ausland tätig sind. Über die Jahre brachte er es so zu beachtlichem Reichtum.

Anwalt mit Kontakten zu Drogenbossen und Paramilitärs

Herzstück des Netzes ist die Anwaltsfirma De La Espriella Lawyers, die über Niederlassungen in Bogotá, Barranquilla, Medellín und Miami verfügt. Seine Karriere als Strafrechtsanwalt begann der heute 47-Jährige Anfang der 2000er Jahre, als er rechten Paramilitärs in den politischen Verhandlungen mit der damaligen Regierung von Álvaro Uribe beratend zur Seite stand. Auch zu Drogenbossen wie Salvatore Mancuso verfügt er über enge Kontakte. Hinzu kommen Prominente, deren Verteidigung de la Espriella Bekanntheit brachte. Darunter befanden sich auch zwielichtige Mandanten wie der kolumbianische Unternehmer Alex Saab, der sich durch Geschäfte mit der venezolanischen Regierung bereicherte und kürzlich an die USA ausgeliefert wurde.

Gerade in der Karibikregion Kolumbiens ist de la Espriella seit Jahren bestens in der traditionell klientelistischen Politik und den großen Medien vernetzt. In der Hauptstadt Bogotá geboren, wuchs er in Montería im Departamento Córdoba auf. Bereits frühzeitig setzte der in der Karibikregion einflussreiche Char-Clan auf seine Präsidentschaftskandidatur, auch mächtige Unternehmer*innen und Vertreter*innen des Centro Democrático sprachen sich für de la Espriella aus. Vor der Stichwahl kann der Kandidat nun auf die Unterstützung praktisch der gesamten kolumbianischen Rechten setzen.

Dieser geht es zuvorderst darum, die (zögerlichen) sozialpolitischen Reformen der Petro-Regierung zu beenden und so schnell wie möglich zum vorherigen Zustand zurückzukehren. Getrieben wird sie dabei von ihrem Hass auf Linke und jegliche Gleichstellungspolitik, der im offen homofeindlichen und misogynen de la Espriella seinen Ausdruck findet. Im vergangenen Jahr hatte dieser in einem Interview gedroht: „Ihr, meine Herren von der Linken, sollt wissen, dass ihr in mir einen erbitterten Feind habt, der alles in seiner Macht Stehende tun wird, um euch zu auszuweiden und euch entschlossen und unerbittlich entgegenzutreten. Diese Plage muss ausgerottet werden.“

Zwar ist de la Espriella als Teil der internationalen Rechtsentwicklung zu verstehen, seine Wahlkampagne kopiert gekonnt die erfolgreiche Strategie regionaler Politiker*innen. Gleichzeitig versteht es der Kandidat, die Sprache der globalen neuen Rechten mit der der alten lokalen zu verbinden. Er gibt sich als überzeugter Patriot: Seine Plattform, die er 2024 als „Bewegung“ gründete, hat er Defensores de la Patria (Verteidiger des Vaterlands) getauft, öffentlich tritt er im gelben Trikot der kolumbianischen Fußballnationalmannschaft auf, den mit zackiger Handbewegung durchgeführten militärischen Gruß hat er zu seinem Markenzeichen gemacht.


Redaktion: Ute Löhning

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